Carsten Otte

Baden-Baden

Der Kaffeehauskünstler

Best of Öde Orte. Ausgewählte Städteverrisse, hrsg. von Jürgen Roth und Rayk Wieland Reclam Verlag, Leipzig 2005

Wenn der Kaffeehauskünstler über seine Profession redet, verschluckt er Silben, ganze Wörter. Die Verben läßt er weg, um noch mehr erzählen zu können, um noch einen Superlativ anzubringen: Er, Emil M. Zedenick, habe die feinsten Torten im Angebot und die berühmtesten Tortenesser zu Gast, die reichsten und die ... mittlerweile auch die ältesten. Die schönsten leider schon lange nicht mehr. Der Blick des Kaffeehauskünstlers senkt sich. Na ja, die Tortenesser sind nicht mehr das, was sie einmal waren, in den überschwenglichen siebziger, in den achtziger Jahren, aber die Torten, die sind immer noch die feinsten. Aber wohin sind die Jungen und Schönen gegangen? Von den Reichen bekommt man auch immer seltener etwas mit. Verstecken die sich in ihren Villen? Wovor haben sie Angst? In Baden-Baden?

Das war eine wunderbare Geschichte, damals, als der Backstubenchef die Gäste im vornehmsten Kaffeehaus der Kurstadt beeindruckte: Der fingerfertige und geschmackbildende Genußmensch unter den lernwilligen Geschmackskrüppeln. Der Kaffeehauskünstler unter den Millionären. So deutlich würde Zedenick das zwar nicht formulieren, wenn er vor der Kamera stünde. Aber falls gerade mal keiner oder nur die Serviertochter zuhört, gibt er schon zu verstehen, was er von seinen Gästen hält. Zedenick, der auch dann einen Nadelstreifenanzug trägt, wenn er gerade eine Schwarzwälder Kirschtorte anfertigt, hat sich hochgearbeitet. Vom einfachen Bäckersjungen zum Kaffeehausbesitzer!

Längst gehört auch er, Emil M. Zedenick, zu den Millionären im Ort. Hat der Konditor, der Patissier und Chocolatier so viele Torten modelliert, so viele Pralinen geformt, daß er sich nun auch eine Villa leisten kann? Nein, mit Maronengebäck, Punschkrapfen, Himbeer-Baiser, mit Sarah-Bernhard-Torten und Champagnertrüffeln lasse sich allerhöchstens die Rente aufstocken. Sagt der Kaffeehauskünstler. Aber woher kam das viele Geld?

Diese Frage beantwortet Zedenick besonders gern: Kunst und Kuchen nennt er das Konzept, das ihn reich gemacht hat. Manchmal sagt er auch einfach nur: dreimal K. Die Kunden schauen dann etwas verstört. Und er darf wieder loslegen: dreimal K gleich Kunstundkuchenkonzept. Zedenick lacht. Die Alliteration macht das Programm gleich doppelt edel, nicht wahr?

Zedenick kaufte Werke von Beuys, Cragg, Droese, Judd, Warhol und Kippenberger. Der Kaffeehaushünstler kaufte viel Kunst, und er kaufte zum richtigen Zeitpunkt. Den Beuys-Hut mit aufliegender Schwefelplatte zum Beispiel, jenes Objekt, das der Meister eindeutig und doppeldeutig zugleich Das Kapital taufte. Ach, Beuys, das ist sein allerliebster Künstler; der Mann, der mit der Stuka abstürzte und von den Tartaren mit Talg gesalbt wurde, der heilige Joseph konnte mit Filz und Fett so perfekt umgehen wie er, Zedenick, mit Marzipan und Mürbeteig.

Kunst und Kuchen. An einem Ort. Café Kaiser in Baden-Baden. Die Fettquelle sprudelt, die Kronleuchter funkeln im Casino, Kunst und Kuchen in Baden-Baden. Die geschmackliche Ergänzung zum pittoresken Wohlfühlensemble. Baden-Baden, die alte, die neue, die ewige Kurstadt. Die ehemalige Sommerhauptstadt des europäischen Adels, Könige und Kaiser kamen vorbei; mit Luftschiffen kamen die Vornehmen nach Baden-Baden geflogen. Die Künstler nahmen die Kutsche. Berlioz, Brahms, Dostojewski, Hugo, Liszt, Tolstoj, Turgenjew, ach, die Künstler. Und dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, Max Beckmann, Alfred Döblin, Paul Hindemith und Otto Klemperer. Sie alle landeten zwar nicht mehr mit dem Zeppelin und kamen auch nicht mehr zu Pferde, aber die Eisenbahn tat´s ebenso.

Kunst und Kuchen, das ideale Rezept am idealen Ort. Jahrzehntelang war das ein Renner. Die Lizenz zum Gelddrucken. Zedenick lacht, wenn er vom Gelddrucken spricht. Aber leider, leider mundet diese eigenwillige Mischung dem gehobenen Kunden nicht mehr so, wie der Kaffeehauskünstler das bislang gewohnt war. Selbst an Sonntagen sind nicht mehr alle Tische belegt. Pierre Boulez soll doch auch eine Wohnung in Baden-Baden besitzen, oder? Aber der ist noch nie vorbeigekommen. Ist halt ein Musiker. Was versteht der schon von Kunst? Und von Kuchen? Dem einundzwanzigsten Jahrhundert, sagt Zedenick, fehlen die Visionen. Die gewöhnlichen Tortenesser interessieren sich nicht für die Kunst, und die Größen des Kunstmarktes halten derzeit Diät. Sie stellen sich lieber ein Museum in den Kurpark, als daß sie hin und wieder eine wirklich gute Torte essen. Kunst und Kuchen, ein altmodisches Konzept? Dreimal K. Ist die Alliteration etwa ein Stilmittel des vergangenen Jahrhunderts?

Das Geschäft geht schlecht und schlechter, und der Kaffeehauskünstler ist sich sicher: Baden-Badens Millionäre haben den Beuys nie gemocht, und all die anderen abstrakten Werke wohl auch nicht. Also hängt Zedenick neben den Kippenberger auch mal einen Ölschinken, die Kopie eines holländischen Meisters. Irgendeine Gartenlandschaft. Emil M. Zedenick, der lebensfrohe Trotzkopf, kämpft um sein Lebenswerk, aber er hat keine Chance. Er muß sich entscheiden. Für oder gegen die Kunst. Er braucht einen weiteren Kredit, und der Mann von der Bank rät, sich zunächst einmal von den Warhols zu trennen. Die würden bei einer Versteigerung zighunderttausend Euro bringen. Der Kaffeehauskünstler ist am Boden zerstört.

Zedenick hängt seine Bilder ab und versteckt sie im Keller seiner Villa. Verkaufen will er noch nicht. Ins Café Kaiser stellt eine Büste Napoleons. Das scheint der Kundschaft zu gefallen, doch auch der Imagewechsel, diese so niederschmetternde Korrektur des Kunstundkuchenkonzeptes bringt keine Trendwende. Nur noch selten schaut einer der vielen Fernsehschauspieler, die in Baden-Baden ihren Lebensabend verbringen, im Café Kaiser vorbei. Sind die denn alle mittlerweile gestorben?

Die Krise hat die Kurstadt erreicht. Inzwischen sagt Zedenick: zweimal K! Und er meint: Kurstadt-Krise. Es hilft alles nichts, er muß die Kunst verkaufen, um sein Kaffeehaus zu retten. Mit gebückter Haltung steht er nun hinter dem Thresen. Traurig verkauft er seine Torten, weiterhin die feinsten in Baden-Baden. Sein Haar ist so hellgrau wie die Nadelstreifen seines Anzugs, der, so sieht es aus, auch nicht mehr jeden Tag aufgebügelt wird. Es wachsen dem Kaffeehauskünstler sogar graue Haare aus der Nase. Das wäre vor zehn Jahren undenkbar gewesen. Aber Emil M. Zedenick, der Mann aus einer anderen Zeit, will nicht aufgeben. Mich haut nichts um, sagt er, nur der Tod. Ab und zu erzählt er von den vergangenen Jahrzehnten, als die Millionäre ihre Millionen noch ausgaben, als die Betuchten ins Café Kaiser strömten, die Reichen und die..., nein, sagt er, schön waren die wenigsten. Und junge Leute hat Zedenick auch schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Wenn er von der Vergangenheit spricht, ist der Kaffeehauskünstler aufgeregt. Dann verschluckt er Silben und Worte.

Eines Tages ist das Café Kaiser geschlossen. Der Kaffeehauskünstler erscheint nicht mehr. Stattdessen liegt ein Zettel im Schaufenster, das der verbliebenen Kundschaft mitteilt, daß eine bekannte Bäckereikette aus Karlsruhe den Betrieb übernehmen wird.