Vergesst das Auto

Wie wir auch ohne Führerschein künftig vorankommen

Chinesische Firmen stehen in dem Ruf, Know-how zu klauen und Produkte zu kopieren. Was die Verkehrspolitik angeht, sind sie seit einiger Zeit selbst kreativ, weil die Situation in den meisten chinesischen Städten katastrophal ist. Die Straßen in Peking und Shanghai sind zu jeder Tageszeit so überfüllt, dass es keine Seltenheit ist, etliche Stunden im Stau zu stehen. Wahrscheinlich waren es Geschäftsleute, die sich über den Dauerstau und den Dauersmog in chinesischen Großstädten beschwert und die Kader davon überzeugt haben, dass etwas geschehen muss.

Wie viele Millionendeals in China wohl schon geplatzt sind, weil die Verhandlungspartner im Verkehr stecken geblieben sind? Im autoritären Staat lassen sich solche Probleme freilich leichter lösen als in einer westlichen Demokratie. Eine besonders originelle Maßnahme in Peking lautet: An bestimmten Tagen werden auf den Straßen nur Autos mit geraden Kennzeichen, an anderen Tagen nur Autos mit ungeraden Kennzeichen erlaubt. Es gibt sicherlich ein paar ganz besonders schlaue und reiche Chinesen, die sich einen Zweitwagen mit passendem Nummernschild zulegen, doch die Maßnahme funktioniert – die Straßen sind leerer, die Luft ein wenig besser. Die Menschen sind sogar einverstanden mit den alternierenden Fahrverboten.

Wie könnte es besser laufen?

Hierzulande gäbe es, wenn sich denn eine Bundesregierung zu solchen Einschränkungen durchringen würde, täglich Demonstrationen, noch mehr Demokratieverdrossenheit und schon bald ein Urteil vom Verfassungsgericht, das zu Recht feststellte, Verkehrspolitik nach chinesischem Vorbild sei grundgesetzwidrig.

Doch was wollen wir tun? Solange warten, bis die Luft auch in Berlin und Köln so schlecht ist wie in Peking und Shanghai? Bis die Verkehrsmeldungen im Radio überflüssig werden, weil es auf allen Straßen Dauerstau gibt? Bis ein neues Benzinpreishoch die Autobahnen endgültig leert, weil dann nur wenige Glückliche das nötige Kleingeld haben, um den Sprit zu bezahlen? Wollen wir in den nächsten Jahren endlose Debatten übers Kohlendioxid und die Klimakatastrophe führen? Es ist furchtbar teutonisch, sich solche apokalyptischen Szenarien auszumalen. Warum sich nicht gleich damit beschäftigen, wie es besser laufen könnte? Auch ohne chinesische Zwangsmaßnahmen.

Rollende Roboter werden wissen, wie man Energie spart

Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit arbeiten deutsche Ingenieure an den Fahrzeugen der Zukunft, und in der aktuellen Autokrise bekommen sie auch etwas mehr Unterstützung aus dem Management. In zehn, vielleicht fünfzehn Jahren werden die Autos eher Robos sein. Diese rollenden Roboter werden wissen, in welchem Tempo man Energie spart, auch die Steuerung werden die Robos übernehmen. Wenn Festplatten und Arbeitsspeicher vor Viren und Systemabstürzen ordentlich geschützt sind, wird es weder Staus noch Unfälle geben. Einen Führerschein braucht man in diesen Zeiten dann garantiert nicht mehr.

Ja, ich freue mich auf die Vollautomatisierung. Auf ein Auto, das mitdenkt und dem ich sagen kann: Fahre mich zu den Festspielen nach Salzburg! Zum Essen ins badische Murgtal! Zu Freunden nach Mainz. Dieses Allzeitbereit-Taxi wird mit dem allerneuesten Sprachcomputer ausgestattet sein, wird an der Art und Weise, wie ich meinen Wunsch formuliere, sofort erkennen, wie die Route zu wählen ist: Wenn ich Zeit habe und in Genießerstimmung bin, wird mich mein kluges Gefährt durch schöne Landschaften führen, nie zu schnell fahren, vielleicht eine kurze Rast an einem Ort mit schöner Aussicht vorschlagen. Wenn ich aber in Eile bin, wird jede Abkürzung genutzt, darf der Auto-Roboter auch Spitzengeschwindigkeiten abrufen, ohne dass es mich nervös machen würde. Einem rasenden Rechner vertraue ich. Mein Robo weiß sich übrigens zu benehmen. Er hält an, wenn Fußgänger am Zebrastreifen stehen und warten.

In dieser wünschenswerten Zukunft wird es selbstverständlich immer noch Männer geben, die selbst Hand ans Steuerrad legen wollen, die das Gasgeben und Kuppeln nicht lassen können, die meinen, Individualverkehr sei mehr als ein hässliches Wort. Doch sollte ein automobiler Ego-Shooter sich nicht in den friedvollen Robo-Fahrfluss einordnen und mit penetranten Lichthupsignalen die linke Autobahnspur freikämpfen wollen, greift künftig ein anderer Mechanismus: Die Mautstationen melden die Störung des geregelten Autoverkehrs einer Überwachungszentrale, die umgehend die Kontrolle über das Auto übernimmt und den Störenfried via Fernsteuerung zur nächsten Polizeistation transportiert. Die Mautstationen sollen nicht nur, wie Innenminister Schäuble fordert, im Anti-Terror-Kampf und bei der Suche nach mordenden Lkw-Fahrern eingesetzt werden.

Verkehrsrowdies sind, weil es so viele davon gibt, mindestens so gefährlich wie eine kleine Gruppe fanatischer Bombenbauer. Mit der Überwachung des Verkehrs wird eine neue Epoche der Fortbewegung beginnen. Störungen und Zerstörungen werden der automobilen Vergangenheit angehören. Über die deutschen Mautstationen wurde einst gelacht, weil sie nicht funktionierten. Eines Tages aber werden diese vielen kleinen Triumphbögen der deutschen Technik einem berühmten Autofahrer-Slogan eine völlig neue Bedeutung geben: Freie Fahrt für freie Bürger!

Wer dieses Szenario für unwahrscheinlich hält, sollte sich mit Ulrich Fastenrath in Verbindung setzen. Der Mann ist Produktentwickler bei der Telekom-Tochter T-Systems Traffic. Zusammen mit der Uni Stuttgart hat er einen Service entwickelt, der sich Echtzeit-Navigation nennt. Dabei werden die Verbindungsinformationen aus dem Mobilfunknetz permanent ausgewertet. Die Idee ist simpel: Weil fast jeder Autofahrer ein Handy im Wagen hat, kann man über die sogenannten Floating-Phone-Daten ein genaues Bild der Verkehrssituation erhalten. Datenschützer haben das Projekt natürlich kritisiert, aber nachdem sich selbst nach diversen Datenklau-Skandalen der Telekom kaum ein Kunde beschwert hatte, wird auch niemand dagegen protestieren, wenn die Bewegungsdaten genutzt werden, um Staus rechtzeitig anzuzeigen bzw. Hinweise auf freie Straßenstrecken zu geben.

Viel spricht dafür, Navigationssystem und Handy künftig zu verbinden. Im nächsten Schritt würden die Angaben zur Umleitung nicht an einen Fahrer, sondern an einen Roboter weitergeleitet, der sogleich den richtigen Weg fände. Die technische Umsetzung einer solchen Idee ist zwar etwas komplizierter, weil die Datenmenge ungleich höher ist, aber keineswegs unvorstellbar. Wie auch Wolfgang Müller-Pietralla weiß, der bei Volkswagen die Abteilung Zukunftsforschung und Trendtransfer leitet. Auto-Futorologen wie Müller-Pietralla machen sich inzwischen sogar Gedanken darüber, was die Fahrzeuginsassen tun können, wenn sie das Auto nicht mehr zu lenken brauchen. Die Zeit mit Computerspielen vertreiben? Tee trinken? Ein Fertigmenü in der Bordmikrowelle zubereiten?

Bis diese robomobile Vision endlich wahr wird, werden Führerscheinlose wie ich, die einst belächelt und inzwischen als wachsende Avantgarde betrachtet werden, weiterhin gerne ins Taxi einsteigen. Auf den Führerschein zu verzichten, heißt nämlich nicht, das Automobil an und für sich verdammen zu müssen. Solange es noch keine Robos gibt, gehören Taxis zu den zivilisiertesten Fortbewegungsmitteln überhaupt. Es sitzen in der Regel Leute am Steuer, die mehr Fahrpraxis haben als alle anderen im Straßenverkehr, sie kennen sich meistens besser aus im Straßengewirr einer Stadt und erhalten über Funk die allerneuesten Stau- und Baustelleninformationen.

Eine Taxifahrt ist kein Luxus. Wer einen neuen oder gebrauchten Wagen kauft, Versicherungen, Benzin und Reparaturen zu bezahlen hat, gibt Summen aus, mit denen Führerscheinlose ziemlich oft und ziemlich lang Taxi fahren können. Wir sind, was die Mobilität angeht, flexibler. Wir fahren Fahrrad oder steigen ins Flugzeug, sie nutzen Bus und Bahn, wenn es praktisch ist. Und wir steigen ins Taxi, wenn weder Bus noch Bahn weiterhelfen. Lange Zeit war die Kritik am klassischen Automobil vornehmlich ein Projekt der Ökos, während die bürgerliche Mehrheit das nationale Kulturgut Auto vor verkehrspolitischer Regulation und allzu großer Weiterentwicklung zu bewahren suchte. Doch der Fortschritt der Technik ist nicht aufzuhalten, und im Zeitalter der Robomobile wird man über diese Ideologisierung der Mobilität nur noch müde lächeln.

Und warum nicht, sozusagen auf den letzten Drücker, doch noch einen Lappen machen? Es gibt viele Gründe für ein Leben ohne Führerschein. Meist sind es sehr persönliche. Auch wenn die Entscheidung, in einer Autowelt ohne Auto zu leben, oft als verkehrspolitische Grundsatzerklärung verstanden wird. Mir sind diese Grundsätze im Laufe der vielen Gespräche über mein führerscheinloses Leben abhanden gekommen. Als ich ausgerechnet nach einer Veranstaltung im Hause Volkswagen zu meiner Führerscheinlosigkeit befragt wurde, fiel mir keine überzeugende Antwort ein. Sollte ich wieder von der geplagten Umwelt, vom Lärm in den Städten, von den jährlich 4000 Toten auf deutschen Autobahnen oder den vielen Unfällen erzählen, die ich als Beifahrer erlebt hatte? Sollte ich all die Argumente gegen das Auto, die je nach Perspektive mehr oder weniger stichhaltig sind, schon wieder vortragen?

Als ich aus der Not eine Tugend machte und eine amüsante Geschichte erzählte, nämlich von einer Tante, die mich vor vielen Jahren mit einem ollen Spielzeugtöfftöff zu erfreuen versuchte, statt dessen aber eine frühkindliche Auto-Aversion auslöste, erhielt ich zu meiner Verwunderung viel Zustimmung. „Ein alter Studienfreund hat auch keinen Führerschein“, offenbarte eine Mitarbeiterin der VW-Marketingabteilung. Diesen Studienfreund hätte sie vor zehn Jahren unter überzeugten Autobauern wahrscheinlich verheimlicht.

Carsten Otte

Erstveröffentlichung: DIE WELT vom 5. August 2009