Die Rückkehr des Bandenwesens

Über den Kampf der Kulturen, der ein Krieg der Clans und Cliquen ist

Erst die Mohammed-Karrikaturen, dann die brennenden Botschaften. Schließlich die Empörung über die Gewalt der Empörten. Und die bange Frage: Gibt es einen Kampf der Kulturen? Wer sich für die Ursachen von Haß und Gewalt nicht interessiert, braucht einfache Erklärungsmuster. Der Kampf der Kulturen ist ein Klassiker der Talkshow-Politik, der die Medien-Realität durchaus zutreffend beschreibt. Wer nur die Fernsehbilder randalierender Muslime sieht und nicht erfährt, wer die Unruhen steuert, welche Interessen die Organisatoren der Proteste verfolgen, unter welchen ökonomischen und gesellschaftlichen Bedingungen die Emotionen hervorbrechen, mag sich tatsächlich von einem Kampf der Kulturen, der Religionen oder Zivilisationen bedroht fühlen.

Auch nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war die geschockte Welt auf der Suche nach Kategorien, damit die Zäsur anschaulich interpretiert werden konnte. Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Samuel Huntington hatte schon vier Jahre vor den Anschlägen einen Kampf der Kulturen prophezeit, und mit dem Einsturz des World Trade Centers übernahm er die Meinungsführerschaft im Terror-Diskurs. Nachdem Klasse und Rasse als Leitbegriffe des 20. Jahrhunderts ausgedient hatten, konnten die Angriffe der Al Kaida sehr leicht, das heißt mediengerecht mit kulturellen und religiösen Parametern erklärt werden. Kritiker der Kulturkampf-These wiesen darauf hin, daß die Spannungen zwischen Orient und Okzident nur unzureichend mit dem Schema beschrieben werden. Zumal es das politische, wirtschaftliche und militärische Dominanzverhalten der USA verschleiert. Dennoch brachte der Streit um die Mohammed-Karikaturen die wenig hilfreiche Theorie-Krücke wieder zurück in die Medien. Dabei hätten es auch die deutschen Journalisten besser wissen müssen.

Als der ehemalige Staatssekretär Jürgen Chrobog und seine Familie in Jemen von Mitgliedern des El Abdallah-Clans entführt wurden, berichtete die deutsche Presse ausführlich darüber, wie sich rund 300 Stammesleute um die Freilassung der Chrobogs bemühten. Entführungen, erklärte der Nahostexperte Guido Steinberg in zahlreichen Interviews, gehörten zur "politischen Kultur des Landes". Es sei nämlich "lange Zeit üblich" gewesen, daß "der Staat Geiseln aus den einzelnen Stämmen in die Hauptstadt Sanaa holte, um sich ihr Wohlverhalten zu sichern". Mittlerweile gingen die Stämme dazu über, Ausländer zu entführen, um nun ihrerseits Forderungen gegenüber dem Staat durchzusetzen. - Mit einem Kampf der Kulturen hat das alles sehr wenig zu tun. Mit Kriminalität, Verrohung und der Rückkehr des Bandenwesens sehr viel.

Ähnlich die Situation in dem Nichtstaat Somalia oder im ehemaligen Schurkenstaat Irak: Nach dem Ende des allmächtigen Saddam-Hussein-Clans wird das Land von kriminellen Warlord-Familien terrorisiert. Kaum eine Branche funktioniert im Irak so gut wie die Entführungsindustrie. Was auch daran liegt, daß es über diese Art des Menschenhandels immer häufiger Erfolgsgeschichten zu erzählen gibt. Nach dem Fall Osthoff weiß jedenfalls auch der letzte Gangster, was die Bundesregierung zu zahlen bereit ist, um eine Geisel wieder nach Deutschland zu holen.

Die religiösen Fundamentalisten stellen in Entführerkreisen eher eine Minderheit dar. Umso deutlicher und damit blutiger wollen sie sich von ihren geldgierigen Landsleuten abheben: Wer für eine heilige Sache zu Felde zieht, nimmt sich in aller Regel auch das Unrecht heraus, Zivilisten auf bestialische Weise umzubringen. Dabei sollte nicht übersehen werden, daß auch die Mörder und Selbstmordattentäter, die im Namen Allahs töten, ihren Gewinn einkalkulieren. Sie verlangen zwar kein Lösegeld, wissen sich aber mit der Aussicht auf das Paradies und den vielen Jungfrauen entlohnt, die im Himmel auf sie warten. Über diese Erlösungssehnsucht der Terroristen darf man zwar mittlerweile keine Witze mehr machen, doch damit ist der Sachverhalt nicht aus der Welt. Fest steht auch: Die Terroristen wissen, daß sich ihre Mitstreiter um die Hinterbliebenen kümmern werden. Die Familien palästinensischer Selbstmordattentäter zum Beispiel werden von Glaubensbrüdern aus dem Iran alimentiert. Es wäre also an der Zeit, den kriminellen Kern der angeblich weltanschaulichen Konflikte deutlich zu benennen: Der Kampf der Kulturen ist in Wahrheit ein Kampf gegen Kulturen.

Der Stuttgarter Sozialwissenschaftler Wolfgang Pohrt hat in seiner Studie "Brothers in Crime" die Rückkehr des Bandenwesens ausführlich beschrieben. "Weil die Menschen", schreibt Pohrt, "die Welt als Beute betrachten, organisieren sie sich in Banden. Und weil das alle tun, verschwimmen die Grenzen zwischen Einflußnahme, Nötigung und offener Gewalt." Der Berliner "Tagespiegel" hat eine Liste all jener irakischen Intellektuellen, Journalisten, Wissenschaftler und Künstler veröffentlicht, die im Bandenkrieg ihres Landes ermordet worden sind. Die Auslöschung der kulturellen Elite gehört grundsätzlich zu den wichtigsten Zielen der Stammesführer. Wenn es keine Menschen mehr gibt, die für eine zivile Gesellschaft streiten können, verlängert sich die Archaik des Bandenkriegs. Demokratie und Rechtstaat rücken in weite Ferne.

Im weltweiten Kampf der Cliquen gibt es durchaus unterschiedliche Konfrontationsniveaus. Selbst die italienischen Mafiabanden zerstören inzwischen auf verhältnismäßig sanfte Art und Weise die Herrschaft des Gesetzes - indem sie sich nämlich am politischen und wirtschaftlichen System beteiligen. Nur im äußersten Notfall wird noch die Maschinenpistole ausgepackt. Auch die Macht eines Paten bemißt sich heutzutage an der steigenden Rendite und nicht an der Zahl der Auftragsmorde. Auf dem internationalen Börsenparkett läßt sich jedenfalls mehr Umsatz machen als im sizilianischen Schutzgeld- und Drogengeschäft. Wenn Osama bin Laden noch ein paar Jahre überleben sollte, wird auch er sein Unternehmen besser am Markt positionieren. Die Herrschaft der Gangs und Cliquen ist globalisiert wie der Kapitalismus, der die Clanwirtschaft erst möglich gemacht hat.

"Ob sizilianische, russische oder amerikanische Mafia", schreibt Wolfgang Pohrt, "Verbrecher hängen aus Berufsgründen mit ganzem Herzen an der freien Marktwirtschaft." Der Kapitalismus ist dennoch widersprüchlicher, als die meisten Gangster vermuten. Sind die Clans und Cliquen nach unternehmerischen Kriterien erfolgreich, beschädigen sie auf lange Sicht die rechtlichen Grundlagen der Marktwirtschaft. Löst sich die Ordnung des Staates auf, kommt im Extremfall auch der Kapitalismus an sein Ende. Denn multinationale Konzerne investieren in aller Regel nicht in Ländern, in denen Bombenanschläge zur Tagesordnung gehören.

Derzeit wird über die Krise der Geisteswissenschaften diskutiert. Eine kritische Theorie der Geselllschaft könnte sich als sehr nützlich erweisen, wenn sie mal genauer untersuchte, unter welchen politischen, ökonomischen und sozialen Bedingungen Clans und Cliquen korrupt werden, wann sie die Schwelle der Legalität überschreiten und wie Solidarität und Loyalität in Kriminalität umschlagen kann. Zu analysieren wäre auch, welche Rolle die ehrenwerten Clans und Cliquen in Deutschland spielen, ob und in welcher Weise sich diese Gruppen von den militanten Banden im Irak unterscheiden. Schon nach oberflächerlicher Recherche ist allerdings festzustellen, daß politische und wirtschaftliche Cliquen, allzu mächtige Interessengruppen und mafiöse Familienclans, die sich nicht an demokratische Spielregeln halten oder diese Regeln nach ihren Vorstellungen auslegen, zunehmend auch das Leben in der westlichen Welt bestimmen.

Immerhin war es der oft belächelte Vertreter eines der mächtigsten Clans der USA, der die Saddam-Hussein-Sippe zur Strecke brachte. Die offizielle Kriegsbegründung hat sich bekanntlich als Propaganda erwiesen, und die Welt ist nach dem Einmarsch im Irak auch nicht sicherer geworden. Für die Familie Bush gelten aber ohnehin andere Maßstäbe in der Politik: Der Sohn hat erledigt, was dem Vater nicht gelang. Außerdem hat sich der Machtbereich jener Leute, die den Krieg vorangetrieben haben, in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht vergrößert. Das ärgert verständlicherweise die Regierungscliquen im Nahen Osten, und so haben auch sie ein Interesse, sich ideologisch aufzurüsten, einen Kampf der Kulturen zu inszenieren. Die Lager formieren sich, die Ängste vor einem nächsten Angriff des Feindes werden geschürt. Es ist die Zeit der Bekenntnisse. "Auf welcher Seite stehst du?" fragen die Scharfmacher. Wer sich dieser Rhetorik verweigert, stärkt die Demokratie. Wer sich einreiht in die Einheitsfronten, sorgt dafür, daß sich die Rückkehr des Bandenwesens beschleunigt. Findet der Kampf der Kulturen erst einmal statt, werden die Clans und Cliquen viel Geld verdienen. Geld, das auch den Mitkämpfern zugute kommt, damit sie nach einem Kampf der Kulturen weiterkämpfen.