Vom Glück, in Würde zu sterben

Der neue Roman von Alban Nikolai Herbst

Von Carsten Otte

Ein Kreuzfahrtschiff ist der ideale Ort, um Geschichten über unsere verwaltete Welt zu erzählen. Viele hundert, manchmal auch mehrere tausend Menschen teilen sich einen begrenzten Raum. Mögen Speisesäle, Schlafstätten und Sportareale noch so großzügig angelegt sein, das Individuum wird im maritimen Massenbetrieb zur kleinen Konsumeinheit. Das Leben an Bord ist geprägt von Ritualen und Regeln, von einer streng hierarchischen Klassengesellschaft. Eigentlich ein Ort der Unfreiheit, doch weil es übers weite, offene Meer geht, genießen die Passagiere ein Gefühl der Freiheit.

Wer ein Kreuzfahrtschiff betritt, denkt vielleicht an die Bilder vom "Traumschiff" aus dem Boulevard-Fernsehen. Auch gibt es mittlerweile zahlreiche Krimis und Thriller von Morden auf hoher See oder von Piraten, die sich in Luxuskabinen breit machen. Wer also heute einen Roman schreibt, der auf einem Kreuzfahrtschiff spielt, hat im Erzählgepäck allerhand Kitsch und Klischees dabei. Oder eben auch nicht. Alban Nikolai Herbst erzählt in seinem neuen Roman "Traumschiff" von einem anderen Traum, nämlich von dem Glück, in Würde zu sterben. Was für eine sensationelle Idee, die Reise in den Tod ausgerechnet in ein mobiles Urlaubsparadies zu verlegen.

So hat sich der todkranke Geschäftsmann Gregor Lanmeister auf ein ganz besonderes Kreuzfahrtschiff begeben, denn neben dem Ich-Erzähler gibt es noch 144 andere Passagiere an Bord, die ebenfalls die letzte Reise ihres Lebens angetreten haben. Man könnte nun meinen, dieses Schiff sei ein schwimmendes Hospiz, aber weit gefehlt. Es gibt den üblichen Kreuzfahrtbetrieb mit Gala-Diner und Landausflügen, und auch nicht alle Sterbenden haben, wie es in Lanmeisters Aufzeichnungen heißt, das "Bewusstein" vom nahen Tod.

Die literarische Fallhöhe ist elegant konstruiert. Ständig haben die Figuren mit amüsanten und dann wieder traurig-berührenden Missverständnissen zu kämpfen. Zumal der Held kein Wort spricht, weder mit den Passagieren noch mit dem Kabinenpersonal. Er könnte reden, will aber nicht, und diese Entscheidung scheint den wachen Geist im zunehmend schwachen Körper anzutreiben. So lesen wir Lanmeisters charmant-luzide Selbstgespräche, die von der trostlosen Ehe mit Petra oder seinen geheimen Gefühlen für die Bordpianistin handeln, von einem seltsamen Clochard und einem strengen Zimmermädchen, das sich über seine nächtlichen Erkundungen auf Deck ärgert, ihn aber nicht bei der Schiffsführung verpfeift. All diese Monologe bringt Lanmeister in geheimnisvollen Kladden zu Papier, und je näher er dem Tod kommt, desto sensibler wird der Erzähler.

Es ist beeindruckend, wie anschaulich Alban Nikolai Herbst die üblichen Geschehnisse auf einem Kreuzfahrtschiff beschreibt, uns Leser aber gleichzeitig in eine bizarre Traumwelt entführt. Welcher Reeder würde schon eine Gruppe Sterbender so lange auf einem Kreuzfahrtschiff mitreisen lassen, bis sie auf der Bahre von Bord gehen? „Das Traumschiff“, heißt es an einer Stelle, „ist manchmal ein Alptraum.“ Die Utopie vom würdigen Sterben wird hier nicht beschönigt. Der Text hätte schnell ins Moralisierende und Geschwätzige abgleiten können, aber wenn es grundsätzlich wird, zeigt sich die Könnerschaft des Autors.

Das Meer, das Wetter und die vielen Vögel, all das sind Motive, die bei einem Kreuzfahrtroman auf der Hand liegen. Doch Alban Nikolai Herbst, der sich auskennt mit Küstenlandschaften und Stimmungen auf hoher See, erzählt davon auf wunderbar eigenwillige Weise, nämlich zugleich nüchtern und märchenhaft, kenntnisreich und poetisch. Wenn man "Traumschiff" mit anderen Büchern von Herbst vergleicht, hat er einen verhältnismäßig unaufgeregten Roman geschrieben. Sein ästhetisches Programm kommt hier mit leichter Hand zur Geltung: Das literarische Spiel mit den Wirklichkeiten, der visionäre Blick in die Zukunft, indem die Erzählungen der Vergangenheit ernst genommen werden, die nahezu rebellische Reflexion über die Sprache, all dies wird in "Traumschiff" meisterhaft, weil unaufdringlich entfaltet.

Lanmeister hält sich für einen "Fahrgast", nicht für einen "Patienten", und dieses Selbstbewusstsein, das sich in eine Sehnsucht, auch beim Leser, verwandelt, verschlägt einem auf den letzten Seiten des Romans, spätestens aber in jenem Moment die Sprache, als der moribunde Held sich mit dem Sprechen versöhnt. Selten wurde so klug, kritisch und lebensfroh über das Sterben fabuliert wie in diesem Roman.

Alban Nikolai Herbst: Traumschiff, Roman, 320 Seiten, Mare Verlag, Hamburg 2015, 22 Euro