Im Rausch der Jugend

Die Wiederauflage des Debütromans von Pamela Moore

Von Carsten Otte

Achtzehn Jahre alt war Pamela Moore, als ihr Debütroman "Chocolates for Breakfast" 1956 in den USA erschien. Schokolade zum Frühstück wurde in diesem Buch, das bald zum Bestseller wurde, zwar nicht gereicht. Stattdessen trinken die Helden des frühen Pop-Romans schon nach dem Aufstehen hochprozentige Drinks, und so ist der Titel der neuen Übersetzung durchaus treffend: "Cocktails" wurde millionenfach verkauft und machte die Autorin zum Literaturstar nicht nur im englischsprachigen Raum. Das Buch, das vom Rausch der Jugend erzählt, wurde in zehn Sprachen übersetzt, unter anderem ins Deutsche. Erstaunlicherweise geriet der Roman, der oft mit Françoise Sagans "Bonjour Tristesse" verglichen wurde, hierzulande in Vergessenheit. Was auch an der deutschen Literaturkritik lag, die in den Fünfziger Jahren kein Verständnis für das in den USA so beliebte "Coming-of-Age"-Genre zeigte.
Mit dem, was ist, kann Courtney Farrell nicht glücklich werden: Weder mit dem strengen Internatsleben noch mit dem ständigen Auf und Ab in der Schauspielkarriere ihrer melancholischen Mutter Sondra, die ihre Tochter zunächst von der Schule nimmt und in die traurige Welt erfolgloser Hollywoodstars führt. Courtney ist auf der Suche nach Liebe, nach der echten, wahren, schönen, reinen, und so landet sie beim schwulen Barry, der ihr aber auch nicht geben kann, wonach sie sich sehnt. Endlich geht es ins schillernde New York; hier kann Mutter Sondra immerhin fürs Fernsehen arbeiten, und Tochter Courtney darf sich auf den Cocktail-Partys einer blasierten und dauerbetrunkenen Oberschicht zerstreuen. Doch die Jungs, die sich glamourös geben, haben außer Geld meist nur wenige Reize zu bieten. Mit einer Ausnahme: Der im wahrsten Sinne des Wortes coole und zugleich leidenschaftliche Anthony, der die Religion verachtet und von sexueller Schönheit schwärmt. Dieser junge Mann wird unter den Damen der Cocktail-Gesellschaft verehrt, vor allem von Courtneys depressiver Schulfreundin Janet Parker. Und deshalb müssen die Liebesnächte mit Anthony geheim bleiben, zumal auch Mutter Sondra nichts von den alkoholischen und körperlichen Ausschweifungen erfahren soll.
Der Roman ist eine bitter-süße Feier des jugendlichen Liebesschmerzes. Er ist durchaus klassisch erzählt, es gibt diverse Spannungsbögen und überraschende Wendepunkte. Vor allem aber beeindruckt, wie Pamela Moore die Liebes-Zusammenkünfte von Anthony und Courtney erzählt, wie sie ihre verschiedenen Milieus in schroffen Dialogen aufeinander prallen lässt. Hier ist keine 18jährige Debütantin am Werk, hier scheint eine frühvollendete Schriftstellerin ihr ganzes Können zu zeigen.
Wie aber kam es, dass dieser Roman, der kurz nach Françoise Sagans „Bonjour Tristesse“ erschien, sich hierzulande nicht durchsetzen konnte? Es gab in den Wirtschaftswunderjahren von deutschen Literaten eine gewisse Skepsis gegenüber den Büchern aus dem Walt-Disney-Land USA, die zuweilen in eine bornierte Kulturkritik umschlug. Man muss nur im Archiv nachschauen und die Rezension von „Cocktails“ im damals schon meinungsmächtigen Feuilleton der ZEIT nachlesen. Paul Hühnerfeld, der ZEIT-Feuilleton-Chef höchstselbst, ließ es sich nicht nehmen, den Roman mit aberwitzigen Argumenten zu verreißen: „Was hier also eigentlich interessant ist“, schreibt Hühnerfeld, „ist nicht das Buch selbst, sondern seine große Wirkung, Aber hängt das nicht mit unserer Liebe zum Unreifen, zum Kindischen, zusammen? Wir, die wir längst mit unserem Latein am Ende sind, nehmen fasziniert jede Lebensäußerung eines Menschen zur Kenntnis, der uns – man verzeihe mir in diesem Zusammenhang das Wort – geistig ein gewisses Halbstarkentum verspricht.“
Über diese Zeilen können wir uns heute amüsieren. Denn sie dokumentieren nicht nur reaktionäre Hochnäsigkeit, sondern auch das fehlende Gespür für literarische Entwicklungen. Denn Pamela Moores „Cocktails“ gehört genau wie Salingers „Fänger im Rogen“ zu den großen Sehnsuchtsbüchern, die vom Rausch der Jugend erzählen – ein Vorbild für zahlreiche „Coming-of-Age“-Romane, nicht nur in den USA, sondern mittelbar auch in Deutschland. Natürlich erinnern die Figuren in Christian Krachts „Faserland“ oder Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ an die Selbstbehauptungen der Liebessucherin Courtney Farrell.
Pamela Moore hat mit ihren „Cocktails“ einen zeitlosen Klassiker geschrieben, der neugierig macht auf ihre vier weiteren Romane, die sie kurz hintereinander veröffentliche. Was ihr aber offensichtlich kein Lebensglück bescherte. Im Alter von nur 26 Jahren wählte Pamela Moore den Freitod. Das wiederum erinnert an ihren Debütroman. Denn auch Courtneys undurchschaubare Freundin Janet Parker bringt sich um. Der Suizid ist offenbar ein wichtiges Thema in der US-Literatur des 20. Jahrhunderts. Man denke nur an die Dichterin Sylvia Plath, deren todessüchtige Lyrik und Prosa inzwischen auch in Deutschland zum Kanon der amerikanischen Moderne gehört. Pamela Moore gilt es wiederzuentdecken. „Cocktails“ ist der ideale Roman für einen melancholischen Sommerabend – ganz ohne Alkohol.

Pamela Moore: Cocktails, Roman, Übersetzt aus dem Englischen von Tanja Handels, Piper Verlag München 2015, € 20,00

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"Cocktails"