Designerbaby? Falsche Frage!

Warum die Diskussion um die Pränataldiskussion erst begonnen hat

Kirchen und Behindertenverbände setzen sich für ein Verbot des neuen Trisomie-Bluttests ein. Doch die Forderung ist weltfremd.

Wir Menschen sind schrecklich neugierig. Kaum eine Eigenschaft hat unser Leben auf Erden so geprägt wie das große Wissenwollen. Die Fähigkeit, die Welt zu erforschen und sie mit Erfindungen nachhaltig zu verändern, hat uns zu kulturellen, gesellschaftlichen und technischen Höchstleistungen angetrieben, führt uns aber immer wieder auch in große Krisen. Gerade diese bedrohliche Seite der Neugier ruft die Gegner der Neugier auf den Plan. Auf lange Sicht sind sie aber machtlos gegen die Natur des Menschen. Gibt es Verbote, werden sie umgangen. Wenn Themen mit Tabus belegt werden, werden die besonders Neugierigen trotzdem Mittel und Wege finden, sich die gewünschten Informationen zu beschaffen.

Wenn sich nun immer mehr werdende Mütter und angehende Väter für einen Bluttest entscheiden, der auf schnellem und sicherem Wege anzeigt, ob ihr Kind an einer Chromosomentrisomie leiden wird oder eben nicht, dann ist diese Entwicklung nicht erstaunlich: Seit Jahrzehnten gibt es ein wachsendes Instrumentarium pränataler Diagnostik. Doch so präzise Ultraschallbilder inzwischen sind, sie haben einen entscheidenden Nachteil: Sie liefern keine Gewissheit. Also hat der neugierige Mensch invasive Techniken entwickelt, um das Erbgut des Kindes bestimmen zu können. Weil im Fruchtwasser fetale Zellen zu finden waren, setzte sich die Amniozentese durch – eine invasive Untersuchung, die bis heute umstritten ist, auch weil das Risiko von Komplikationen besteht. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der neugierige und auf Sicherheit bedachte Mensch auch diese Gefahren ausschloss.

Im August 2012 wurde ein Testverfahren eingeführt, das die Punktion der Fruchtblase weitgehend überflüssig macht. Seitdem ist es nämlich möglich, im Blut einer Schwangeren auch Erbinformationen des Babys zu finden. Mit einer Sicherheit von 99 Prozent können Paare dann wissen, ob bei ihrem Kind eine Trisomie der Chromosomen 13, 18 oder 21 vorliege, verspricht etwa die deutsche Firma Lifecodexx. Der Expresstest kostet derzeit noch 985 Euro, aber der Preis wird fallen. Immer mehr Krankenkassen werden die Kosten übernehmen, immer mehr Frauen werden den Test in Anspruch nehmen. Diese Form der Pränataldiagnostik wird wohl zum Massenphänomen – und damit zum Schlachtfeld weltanschaulicher Auseinandersetzungen. Behindertenverbände und Kirchen haben die Einführung des Tests nicht verhindern können, setzen aber weiterhin auf Moralgeschosse und rufen nach staatlicher Sanktion. Gerd Weimer, Behindertenbeauftragter in Baden-Württemberg, meint, der Test verstoße "gegen das in der Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen normierte Recht auf Leben und muss bundeseinheitlich verboten werden".

Sieht man mal davon ab, dass es unter Juristen ziemlich umstritten ist, ob der pränatale Bluttest gegen besagte UN-Konvention oder irgendein anderes Gesetz verstößt, wäre ein Verbot vollkommen unwirksam. Denn selbst wenn die Blutproben nicht mehr in Deutschland ausgewertet werden dürften, würden Eltern, die eben wissen wollen, wie es um die Gesundheit des Kindes bestellt ist, die Proben zu Konkurrenzunternehmen in die USA einschicken. Aber auch die Konstanzer Firma Lifecodexx würde reagieren und mit dem Labor ein paar Hundert Meter weiterziehen, nämlich in die benachbarte Schweiz.

Es gibt unter den Gegnern der Pränataldiagnostik auch Vertreter, die am liebsten alle vorgeburtlichen Untersuchungen verbieten lassen wollen und die Eltern mit dem bösen Wort der "Selektion" attackieren, wenn diese sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden. Zur Verlogenheit der Diskussion um den neuen Bluttest gehört auch, dass es zumeist um die Trisomie 21, also die vergleichsweise milden Behinderungen des Downsyndroms geht. Aber wie steht es mit der grauenhaften Trisomie 13? Kinder mit Pätau-Syndrom leiden unter schweren Herzfehlern, Hirnschäden, Störungen des zentralen Nervensystems, Fehlbildungen der Nasen und Augen, der Gliedmaßen und inneren Organe. Eltern, die ihrem Kind all dies ersparen wollen, können mit den Argumenten der Bluttest-und-Abtreibungsgegner wenig anfangen. Wenn sich Eltern in diesem Fall für einen Abbruch entscheiden, heißt das nicht, dass sie sich ein "Designerbaby" wünschen. Statt betroffenen Eltern ein schlechtes Gewissen einzureden und sie an den Pranger zu stellen, sollte ihnen vielmehr mit professionellen, das heißt ideologiefreien Beratungsangeboten geholfen werden.

Der umstrittene Bluttest wird unsere Gesellschaft viel weniger verändern, als die Gegner der neuen Medizintechnik behaupten. Die Vorstellung, mit dem Bluttest beginne ein genetisches Zucht- und Optimierungsprogramm, halte ich für eine weltfremde Horrorvision. Menschen mit Behinderung wird es immer geben, und das hat die unterschiedlichsten Gründe. Nur bei etwa vier Prozent liegt eine erblich bedingte Erkrankung vor. Die meisten Behinderungen entstehen während und nach der Geburt, durch Unfälle und Krankheiten im Laufedes Lebens.

Von körperlichen und geistigen Merkmalen auf das Lebensglück eines Menschen zu schließen, ist mindestens so regressiv wie die Verteufelung einer Technik, die nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist. Kein Paar macht es sich leicht, wenn es über Leben und Tod des kranken Kindes zu befinden hat. Kein Fall ist verallgemeinerungsfähig. Es gehört allerdings zur demokratischen Differenzkultur, dass wir auch die Entscheidung gegen ein schwerstbehindertes Kind akzeptieren.

Carsten Otte