Carsten Otte

Rache ist alkoholfrei

in: Bier, hrsg. von Peter Glückstein, Manuela Reichart, Stefanie Steudemann Eichborn Verlag, Frankfurt a. M. 2009

52 Biere werden vorgestellt, für jede Woche des Jahres eines, mal Pils, mal Weizen, mal aus dem Norden, mal aus dem Süden. Allerdings führen nicht Brauer oder Wirte ihr Wissen vor, sondern Thekenkenner der ganz anderen Art: 52 Künstler haben ein Bild gemalt, ein Foto bearbeitet, eine Skulptur geschaffen, außerdem haben 52 Autoren einen Text geschrieben.

Mike hielt die Bierflasche wie ein Kruzifix in die Höhe, und ich fragte ihn, ob er plane, eine Prozession anzuführen. Yeah! rief er mir zu, lallte noch ein paar Worte, die zwar nicht zu verstehen, aber so laut waren, daß der Cop auf der anderen Straßenseite uns bemerken mußte. Cheers! sagte ich, und wir leerten unsere Flaschen in einem Zug. Mike jubelte: German beer is the best! Das klang ziemlich seltsam, wie er mit antrainiertem Oxford-Akzent in Austin, der schrecklich sympathischen Hauptstadt von Texas, ein Loblied auf deutsche Braukunst anstimmte. Ich lachte und wiederholte noch einmal diesen Satz, nur dieses Mal in einem Englisch, das sich nach einer Mischung aus Liverpool und Wuppertal anhörte. Endlich reagierte der Cop. Während er die Straße überquerte, forderte er uns auf, sofort stehenzubleiben. Wir ignorierten ihn, bogen um die Ecke. Es dauerte nicht lange, bis der Mann uns einholte. Er baute sich vor uns auf, die rechte Hand an der Knarre. John Reeler hatte sich bis auf die grauen Haare, die im Laufe der Zeit hinzugekommen waren, nicht verändert. Er trug, wie er es schon vor zwanzig Jahren getan hatte, die allerletzte Ich-bin-eine-coole-Sau-Sonnenbrille; wahrscheinlich hatte er irgendwann in den Achtzigern einen Film gesehen, in dem ein Bulle genau mit dieser Scheißbrille auftrat. Reeler erkannte uns nicht. Das war auch gut so. Wollen Sie auch einen Schluck? fragte Mike. Reeler erklärte uns, daß wir im Staate Texas kein Alkohol auf der Straße konsumieren dürften, daß wir eine Straftat begangen hätten und deshalb ihn nun auf die Wache begleiten müßten. Reeler nahm uns die Bierflaschen ab und legte sie in den Kofferraum des Polizeiwagens. Gesetz ist Gesetz, sagte Mike und nickte. Wir setzten uns freiwillig auf die Rückbank, und Reeler schien sich zu freuen, daß er mit uns keinen Ärger hatte. Auf der Fahrt zur Polizeistation sagte Reeler, er werde einen Alkoholtest durchführen, und ich erwiderte, daß wir wüßten, was auf uns zukäme. Als wir in sein Büro geführt wurden, hätte ich ihm beinahe mitgeteilt, ich würde mich hier ganz gut auskennen, aber ich hielt mich zurück. Reeler setzte sich hinter seinen Schreibtisch und belehrte uns über unsere Rechte. Die Nummer hatte er immer noch gut drauf. Er behandelte seine Opfer grundsätzlich wie Schwerstkriminelle. Er sagte, er müsse zunächst die Personalien aufnehmen. Wir legten unsere Ausweise auf den Tisch. Deutsche! bemerkte er verächtlich. Habt ihr eine Aufenthaltsgenehmigung? Ein korrektes Visum? Studenten seid ihr doch nicht mehr, in eurem Alter. Oder doch? Reelers hellblaue Augen leuchteten. Bier in der Öffentlichkeit, das sind mindestens 1000 Dollar Strafe, sagte er. Dann kämen noch die Verwaltungsgebühren hinzu. Oder wir würden, er machte eine bedeutungsvolle Pause ... uns anderweitig einig werden. Mike wollte wissen, was er damit meine. Und dann kam der übliche Reeler-Vorschlag. Wenn wir ihm 500 Dollar cash auf die Hand gäben, könnten wir gehen. Vor zwanzig Jahren hatten wir uns darauf eingelassen. Damals waren wir zur nächsten Bank gegangen, um die Summe abzuheben. Damals waren wir tatsächlich Studenten und wollten kein Ärger mit den US-Behörden. Jetzt holte Mike ein kleines Mikrofon aus seiner Jackentasche und legte es auf den Tisch. Wir haben unser Gespräch aufgezeichnet, erklärte ich und zeigte aus dem Fenster. Unsere Kollegen dort draußen werden das Band, wenn uns etwas passiert, an die zuständige Staatsanwaltschaft schicken. Reeler sprang auf, sein Kopf lief rot an. Er schlug mit seinem Colt auf den Tisch. Wir seien nicht nur besoffen, schrie er, sondern auch bekloppt. Nein, entgegnete Mike, wir sind unglaublich nüchtern. Noch nie etwas von alkoholfreiem Bier gehört? Reeler ließ seinen Blick vom Mikrofon zu den leeren Bierflaschen schweifen, die er in transparente Beweismitteltüten gesteckt hatte. Auch wenn Reeler nicht der hellste Polizist unter der texanischen Sonne war, wußte er doch den deutschen Schriftzug Alkoholfrei zu übersetzen. Reeler erhob sich, doch bevor er etwas sagen konnte, meldete ich mich zu Wort. Das alkoholfreie Bier, erklärte ich, haben wir aus Deutschland mitgebracht. Wir wollen den guten Stoff in den USA einführen. Hier gibt es doch nur das schreckliche Rootbeer, dieses geschäumte Wurzelgift. Und wissen Sie was? Wir werden – ich schaute zu Mike – unser kleines Erlebnis mit Officer Reeler in einem Werbefilmchen verarbeiten und zur Markteinführung auf allen Fernsehkanälen zeigen. Reelers Gesichtszüge verschoben sich. Wahrscheinlich dachte er an seine Rente, die er durch uns gefährdet sah. Ein korrupter Bulle würde unehrenhaft aus dem Dienst entlassen. Übrigens, meldete sich Mike wieder zu Wort, Sie schulden uns noch 500 Dollar. Die haben Sie uns vor 20 Jahren abgeknöpft. Reeler schnaubte nun wie ein wildes Tier. Mike wedelte mit dem Mikrofon und grinste. Schließlich öffnete Reeler eine Schublade, die offenbar mit seinen Nebeneinkünften gefüllt war. Er legte die verlangte Summe auf den Tisch. Mike steckte die Kohle und das Mikrofon in die Tasche. Den Namen Reeler, sagte ich, werden wir in unserer Werbekampagne selbstverständlich nicht erwähnen. Er griff erneut zur Dienstwaffe und grummelte, wir sollten zur Hölle fahren und den Herrgott darum bitten, daß wir ihn, John Reeler, nie wieder träfen. Wir verließen den Raum, ohne uns noch einmal umzudrehen.