Carsten Otte

Paradies ohne Sonne

in: Unverhofftes Wiedersehen, Eine Hommage an Johann Peter Hebel, Klöpfer&Meyer, Tübingen 2010

24 gegenwärtige Autorinnen und Autoren versuchen es Hebel mit ihren eigenen Kalendergeschichten nachzumachen. Zwischen Wirtshäusern und Ehebetten, Amsterdamer Grachten und morgenländischen Provinzen, Schwarzwald und weiter Welt beschwören sie den Kosmos der Kalendergeschichten herauf und erproben die Bedeutung von Hebels Texten und ihrer Moral für unsere Gegenwart. Da wird geliebt und gestritten, einander überlistet und sich versöhnt, da wird über Gott und den Tod disputiert.

Frank wachte auf und öffnete das Fenster. Er hörte das Meer. Da es noch dunkel war, ging er wieder ins Bett. »Wie viel Uhr ist es denn?« fragte Anna mit müder Stimme. Doch bevor er antworten konnte, hörte er wieder ihr sanftes Schnarchen. Irgendwann waren sie ausgeschlafen. Er zog die Gardinen zur Seite und schaute zum Himmel. Keine Sonne, keine Sterne, kein Mond. »Vielleicht gibt es hier Smog«, rief er. Anna sprang aus dem Bett. »Das sieht nicht nach Smog aus! Die Luft ist rein. Ich kann das Meer riechen. Verdammt noch mal, wo ist die Sonne?«

»Vielleicht gehört die Finsternis zum Unterhaltungsprogramm des Hotels.«

»Das ist nicht witzig, Frank.«

»Ist nicht dein Humor, Anna. Laß uns doch mal in die Lobby gehen und fragen, was hier los ist.« Im Frühstücksraum saß niemand mehr, zwei Kellner räumten dreckiges Geschirr ab. Die Hotelgäste hatten sich am Hotelpool versammelt. Sie schauten skeptisch in den dunklen Himmel. Ein Mann beschwerte sich, Urlaub ohne Sonne sei Betrug. Er habe all inclusive gebucht. Das Paradieshotel mit Sonnengarantie. Kinder weinten.

Level six.

Der Reiseleiter trat aus der Menge hervor und teilte den verstörten Gästen mit, die Dunkelheit sei nicht ungewöhnlich. Das Paradieshotel habe sich selbstverständlich darauf eingestellt. »Wie wär´s mit Tennis? Wir haben Flutlicht.« Als sich zwei Leute meldeten, hörte Frank den Reiseleiter sagen: »Zweihundert Punkte. Vielleicht auch etwas mehr. Sehen wir mal, wie lange die beiden Tennis spielen.«

Zweihundert Punkte? Er schaute zu Anna, die neben mir stand, aber offenbar nichts mitbekommen hatte. »Und was sollen wir machen?« fragte sie gereizt. Der Reiseleiter war sofort mit einem Vorschlag zur Stelle. »Wir haben eine große Videothek. Haben Sie Lust auf einen Film?« Anna schüttelte den Kopf. Frank lachte. »Darf ich Sie denn auf ein Glas Champagner einladen?« fragte der Reiseleiter.

»Nur ein Glas?« entgegnete Sarah.

Der Reiseleiter ließ den Champagner servieren und flüsterte: »Tausend Minuspunkte.«

Schnell leerten sie die Flasche. Anna bestellte noch eine. »Geht heute alles aufs Haus, oder etwa nicht?« sagte sie angetrunken. Während sie an der Bar saßen, beobachtete Frank, wie der Reiseleiter mit den Hotelgästen sprach. Noch war niemand abgereist.

Level seven.

Auch am nächsten Morgen ging die Sonne nicht auf. Außerdem gab es keinen Strom mehr. Der Reiseleiter wirkte erschöpft, als er das Tagesprogramm erläuterte. Beim Fackelspaziergang am Strand nahmen mehr als hundert Leute teil. Auch Frank und Anna gingen mit. Sie freuten sich, daß das Meer noch da war.

Am dritten Tag ohne Sonne verabschiedeten sich ein Paar. Der Reiseleiter schenkte den beiden zum Abschied eine große Tube Selbstbräuner. Die Frau zögerte erst, nahm das Geschenk schließlich doch an. »Man will ja daheim nicht ausgelacht werden«, sagte sie. Der Reiseleiter lächelte.

Level eight.

»Wollen Sie weiterspielen?« fragte der Reiseleiter, als Anna in Franks Büro kam. Sie wollte wissen, warum er denn noch immer nicht seinen Koffer gepackt habe. »Morgen früh geht die Reise los. Willst du lieber zu Hause bleiben und vor dem Computer hocken?«

»Nein, nein«, entgegnete er. »Ich freue mich auf den Urlaub. Alles inklusive, bin wirklich gespannt, was uns erwartet!«