Carsten Otte

Die Nahrung der Nudisten

in: Häuptling Eigener Herd Heft 31: Maritim Edition Vincent Klink, Stuttgart 2007

Jeden Sommerurlaub meiner Jugend habe ich auf der Insel Sylt verbracht. Ohne Ausnahme in List, dem nördlichsten Ort der Insel, und bis auf eine Ausnahme in derselben Ferienwohnung. Das kam mir damals nicht seltsam vor, weil alle Kinder, die ich am Strand kennenlernte, auch jedes Jahr kamen, und selbstverständlich bezogen sie mit ihren Eltern stets das bekannte Quartier. Als wir ein einziges Mal auf eine andere Ferienwohnung ausweichen mußten, war das eine Woche lang Strandgespräch: Was ist denn los? Habt ihr die Wohnung im vergangenen Jahr verwüstet? Gibt´s andere, vielleicht finanzielle Schwierigkeiten? Das ist doch nicht möglich ...? Im folgenden Sommer nächtigte Familie Otte zum Glück wieder am angestammten Platz.

Hirnforscher und Pädagogen können bestimmt erklären, warum Kinder, die ohnehin jeden Tag viel zu viele neue Eindrücke verarbeiten müssen, sich am besten in gewohnter Umgebung erholen. Im nachhinein frage ich mich, ob ich solche Urlaubskonstanz auch als Erwachsener ertrüge. Dem Pennäler allerdings bot die Insel durchaus Abwechselung, was vor allem daran lag, daß es auf Sylt einige Dinge gab, die ich anderswo noch nicht gesehen hatte. Eine Maschine am Lister Hafen zum Beispiel, in die man Zehnpfennigstücke warf, um nach fünf Minuten Wartezeit ein ovales Messingamulett mit Sylt-Prägung zu erhalten. Hier lernte ich, daß Münzvernichtung keineswegs nur eine Hoheitsangelegenheit der Bundesdruckerei ist.

Der Lister Hafen war ohnehin ein kurioser Ort: In den merkwürdigen siebziger und achtziger Jahren kamen die Gäste aus den Nobeldörfern Kampen und Keitum herbei, setzten sich am Hafen auf eine Holzbank, aßen Scampi mit Hummerfertigsauce und tranken fruchtigen Rheingau-Riesling. Mich interessierten weniger die angeblich Schönen und Reichen, und auch die überwürzte Fischsuppe, die meine Eltern dem Schalentierhappen vorzugen, mochte ich nicht. Es waren die FKK-Brötchen beim Fischbudenbesitzer Gosch, die meine Aufmerksamkeit erregten. Ich wußte, was Freikörperkultur bedeutete, denn das obligatorische Nacktsein am Strand war der erholungsphilosophische Sinn eines jeden Syltbesuchs. Aber was die Nudistenkultur mit Nahrung zu tun haben sollte, erschloß sich meinem kindlichen Verstand zunächt nicht.

Ein nacktes Brötchen für zwei Mark? Was sollte das sein? Abzocke? Ein maritimer Witz vom Fischbudenbesitzer Gosch? Dieser Typ, der seine Gäste oft mit Handschlag begrüßte, war bekanntermaßen ein schlauer Geschäftsmann und bewies mit seiner Hafenfolklore, die heutzutage jedes Niveau unterschritten hat, schon damals schlechten Geschmack. Ich nahm an, das FKK-Brötchen sei nur für Erwachsene. Etwas Unanständiges.

Eines Tages traute ich mich, statt der üblichen Scholle ein FKK-Brötchen zu bestellen. Doch es war nicht leicht, diesen Wunsch auch durchzusetzen, was meine Neugier nur noch mehr steigerte. Von einem FKK-Brötchen werde ich niemals satt, versuchten mich meine Eltern zu überzeugen. Aber ich blieb stur. Mein Vater fragte meine Mutter: „Kommt der Junge jetzt in die Pubertät?“

„Ja, Pubertät“, sagte ich stolz, obwohl ich mit zehn bestimmt noch keine Ahnung hatte. Ich bekam jedenfalls mein FKK-Brötchen und war sehr enttäuscht. Etwas Galertartiges mit Panade befand sich zwischen den beiden Brötchenhälften, ohne Salatblatt und ohne Sauce. Das Ding schmeckte nach nichts, und ich weiß bis heute nicht, was ich damals meinem noch unschuldigen Magen anvertraut habe. Den Eltern erklärte ich trotzig: „Schmeckt klasse.“ Das war für sie wohl der entscheidende Hinweis, mit mir nach dem Essen ein ernstes Gespräch zu führen. So erfuhr ich, daß in der Pubertät seltsame Dinge mit meinem Körper geschehen sollten. Möglicherweise sei davon auch mein Geschmackssinn betroffen. Nun wußte ich durchaus, daß dieses FKK-Brötchen eine kulinarische Zumutung war. Also stand nach der Aufklärungsstunde meiner Eltern für mich endgültig fest, daß Freikörperkultur schon allein deshalb scheiße sei, weil nach ihr eine ungenießbare Mahlzeit benannt war.

Nach vielen Jahren habe ich den Lister Hafen wieder besucht und feststellen müssen, daß es das FKK-Brötchen nicht mehr gibt. Stattdessen werden in einer umgebauten Bootshalle fast nur noch Fische verkauft, die in der Nordsee erst schwimmen werden, wenn der Klimawandel weiter fortgeschritten ist. Angesichts des gehobenen Global-Fischfutters ist es fast schade, daß die Nudisten-Schrippe nicht mehr angeboten wird. Sie schreckt vor der Freikörperkultur ab und führt dazu, daß kleine Rotznasen so früh wie möglich aufgeklärt werden.