Worüber man nicht sprechen kann

Ein kleines Selbstgespräch von und mit Carsten Otte über seinen Roman „Warum wir“

Worum geht es?

Um Leben und Tod. Ein Paar bekommt ein Kind. Mutter und Vater sind nicht mehr die Jüngsten. Die dann üblichen pränataldiagnostischen Untersuchungen beginnen. Ultraschall, Fruchtwasseruntersuchung, Bluttest. Das Ergebnis in diesem Fall: Das Kind ist krank. Es hat Trisomie 13, eine schwere Chromosomenstörung. Das Baby wird die Geburt voraussichtlich nicht überleben. Was tun? Schwangerschaftsabbruch? Oder soll die Natur, der liebe Gott entscheiden? Was geschieht, wenn das Kind auf die Welt kommt und nur mit aufwändiger Medizintechnik an einem schmerzreichen Leben gehalten wird? Fragen, die ein Elternpaar an die Grenze ihrer Leidensfähigkeit bringen. Es geht also um viel mehr als um Leben und Tod.

Ist es ein autobiographischer Text?

Ja und nein. Ja, weil viele Beobachtungen und Erfahrungen, die ich als Vater einer nunmehr fünfjährigen Tochter gemacht habe, in den Text eingeflossen sind. Nein, weil ich nie vor der grausamen Situation stand, über das Leben eines Kindes (mit-)entscheiden zu müssen.

Warum haben Sie aus dem Stoff kein Sachbuch gemacht?

Der Philosoph Wittgenstein schreibt: Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Recht hat er. Dieser Satz bezieht sich auf die Wissenschaftlichkeit von Moralphilosophie. Mein Text beginnt dort, wo die Erörterung ethischer Fragen aufhört. Die medizinischen Fakten und Argumente liegen auf dem Tisch. Aber was richten diese Zahlen, Daten und sprachlichen Imperative bei einem Paar an? Wie verändert sich eine Ehe, wenn es um Leben und Tod des gemeinsamen Kindes geht? Darüber lässt sich nur mit den Zwischentönen der Fiktion erzählen.

Welche Erzählperspektive haben Sie gewählt?

Die Männerperspektive. Die Leser tauchen ein in die Welt des Ich-Erzählers, die sich zunehmend eintrübt. Ja, diesem Erzähler ist von Kapitel zu Kapitel immer weniger zu trauen. Und gerade durch seinen psychischen Verfall erfahren wir sehr viel über seine Frau und die beiden Kinder. Für meinen Roman „Sanfte Illusionen“ habe ich eine Multiperspektive gewählt, um das Milieu einer schönen, kleinen Stadt zu erzählen. Ich wollte den verschiedenen Protagonisten gerecht werden. Das wäre bei „Warum wir“ nicht aufgegangen. Bei diesem Thema gibt es keine erzählerische Gerechtigkeit. Außerdem spielt die Frage, was ein Mann in einer solchen Situation denkt und fühlt, im üblichen Geschlechterdiskurs, kaum ein keine Rolle. Schwangerschaft ist Frauensache. Abtreibung sowieso. Die literarische Herausforderung bestand demnach auch darin, eine Sprache zu finden, die diesen gesellschaftlichen Konsens aufbricht.

In ihren Texten spielen Sie sich oft mit bekannten literarischen Genres, die erwähnten „Sanften Illusionen“ arbeiten mit Versatzstücken des Groschenheftes – wie ist das bei „Warum wir“?

Der Roman ist ein Sozialdrama, das mit Stilmitteln der Schwarzen Romantik versucht, sich dem furchtbaren Grusel zu nähern, der von der modernen Schwangerschaftsmedizin ausgeht. Es gibt ein Bild von Alfred Kubin, das den Titel „Seele eines Kindes“ trägt. Man sieht ein verzerrtes Gesicht, das von einem grünlich-grauen Strudel eingefasst ist. Die Ängste der Eltern, die sich zwangsläufig in einem vorgeburtlichen Untersuchungszyklus entstehen, lassen alte Horrorvorstellungen aufleben, wie sie etwa Edgar Allan Poe beschrieben hat.

Was wollen Sie mit dem Text erreichen? Eine Debatte anstoßen?

Zunächst einmal möchte ich eine ästhetisch versierte, spannende und durchaus traurige Geschichte erzählen, die sich nicht in Klischees und Parolen verfängt, welche man etwa aus der sogenannten Abtreibungsdebatte kennt. Ich verbreite keine politischen Botschaften. Tatsache ist: Eine breite Diskussion über die psychosozialen Folgen der Pränataldiagnostik findet nicht statt. Weder in der breiten Öffentlichkeit noch im privaten Kreis. Das Thema ist ein Tabu. „Warum wir“ ist meines Wissens der erste Roman eines deutschen Autors, der sich diesem Thema stellt. Ich schreibe darüber, auch weil es verschwiegen wird. Wenn ich mit dem Buch ein Gespräch in Gang setzen kann, wäre viel gewonnen. Vor allem für die betroffenen Eltern.

Carsten Otte