Sieht so die Zukunft aus?

Über den autoritären Kapitalismus in China

Wer zum ersten Mal nach China reist, wird schnell feststellen, wie schwer es ist, die Eigentümlichkeiten dieses Landes zu begreifen. Und das liegt nicht nur an der fremden Sprache und an den unterschiedlichen Sitten und Gebräuchen, von denen in den Reiseführern so ausführlich die Rede ist und die der Westeuropäer selbst bei guten Vorsätzen vor Ort dann doch nicht nachvollziehen kann. Die Fremdheit, die ich meine, hat vielmehr mit dem Gefühl der vermeintlichen Vertrautheit zu tun, dem so schwer zu entrinnen ist, wenn man durch die Kaufhäuser, die provozierend protzig gestalteten Warentempel in Shanghai schlendert, wenn man die schicken Restaurants in den vollklimatisierten Hochhäusern besucht, die, wenn überhaupt, nur der neureiche Chinese sich leisten kann. Dort kommt dem Reisenden aus Westeuropa vieles bekannt vor, und verläßt man die Orte des neuchinesischen Glamours, wird man bald mit einer anderen und ebenfalls nicht überraschenden Realität konfrontiert.

Die vielen Wanderarbeiter zum Beispiel, die in die Großstädte strömen und zuweilen in käfigartigen Verschlägen übernachten, erinnern mit ihrer einfachen, oft schäbigen Kleidung und mit ihren staunenden Blicken, daß das Stadt-Land-Gefälle in China so groß ist wie in anderen Schwellenländern. Dabei ist China, gesellschaftliche Widersprüche hin oder her, eine Großmacht, die um die politische, wirtschaftliche und auch kulturelle Hegemonie in der Welt kämpft, die mit ihren wirtschaftlichen Erfolgen einen weltweiten China-Boom ausgelöst hat und die unsere alteuropäischen Vorstellungen von Demokratie und Marktwirtschaft, von Chancengleichheit und politischer Partizipation in Frage stellt.

Konservative und gleichsam optimistische Gesellschaftstheoretiker haben in der Zeit des Kalten Krieges angenommen, daß sich mit der Einführung marktwirtschaftlicher Strukturen in autoritär organisierten Staaten zwangsläufig auch Demokratisierungsprozesse ergeben. Der Maoismus allerdings - oder das, was in China davon übrig geblieben ist - paßt sehr gut zu einem ökonomischen System, das mit dem Begriff "Kapitalismus" nur sehr unzureichend beschrieben ist. Man könnte, wenn man das Vokabular der Marxisten noch einmal verwendet, sogar sagen, daß gerade die auf extreme Gewinnmaximierung getrimmten Produktionsmittel den staatskommunistischen Apparat unterstützen. In der chinesischen Kommandowirtschaft wird dem Manager wie dem Arbeiter, dem Wissenschaftler wie dem Erfinder jeweils ein genau abgestecktes Feld zugewiesen, auf dem allerhöchste Erträge erzielt werden müssen. Ausbeutung gehört zum Strukturprinzip, und so entspricht dieses Modell dem gegenwärtigen Stand der Globalisierung.

Während die parlamentarischen Demokratien des Westens noch kein probates Mittel gefunden haben, wie sie auf die Anforderungen und Zumutungen der globalisierten Ökonomie reagieren sollen, während westliche Politiker dem Wahlvolk erklären müssen, warum die Umsätze der Firmen steigen, die Arbeitsplätze aber gestrichen werden, während die Regierungen in Europa sich damit abmühen, die sozialen Sicherungssysteme zu privatisieren und damit den staatlich organiserten Abbau gesellschaftlicher Solidarität als zukunftsweisende Reformen verkaufen, muß sich die politische Elite in China nicht rechtfertigen, solange die Wirtschaft ihres Landes wächst - und das wird sie. Denn die Mehrheit der Chinesen lebt noch in einfachsten Verhältnissen auf dem Lande, und gerade diese Menschenmassen sind ein unschlagbares Entwicklungs- und Wirtschaftspotential.

Die chinesischen Eliten wissen das und verweisen auf ihre 5000 Jahre alte Geschichte, auf eine sagenhafte Dialektik: Ob nun Kaiserzeit, Mao oder jetzt die kapitalistische Politik der Kommunistischen Partei, all die Epochen und Ideologien scheinen in der Identität des modernen Chinesen aufgehoben zu sein. Als sinnstiftendes Amalgam wirkt ein altmodisch-moderner Konfuzianismus, der die lebensweltlichen Gegensätze verbindet und der die Menschen auffordert, sich in Staat, Betrieb und Familie mehr oder weniger kritiklos einzufügen. Sieht so die Zukunft aus?

Natürlich gibt es auch Protest. Selten genug hört man davon, aber es gibt ihn. In der verarmten ostchinesischen Provinz Anhui randalierten neulich 10.000 Menschen aus Frust über die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich, plünderten Supermärkte und bewarfen die Polizei mit Steinen. Auch die jungen Künstler, die in abgelegene Bezirke gedrängt werden, haben ein Gespür dafür, daß in ihrer Heimat nicht alles glattläuft: Sie fotografieren geschundene Körper unter Tage, sie parodieren die Uniformität des maoistisch-kapitalistischen Alltags mit Pop-Art-Mitteln, sie verwischen traurige Gesichter im Gerhard Richterschen Wischnebel. Und erzielen mit solchen Werken Höchstpreise im internationalen Kunstgeschäft. Die Welt ist dermaßen fasziniert von China, daß selbst die Kritiker des Booms vom Boom profitieren.

Deutsche Manager, die seit einigen Jahren in China leben und arbeiten, würden am liebsten Müntefering, Lafontaine und Gysi nach China entführen, um ihnen zu zeigen, wie toll es ist, einen Wirtschaftsaufschwung mitzuerleben. Endlich mal gute Stimmung, sagen sie, endlich mal keine quälenden Diskussionen! Sie verschweigen, daß der entfesselte Kapitalismus made in China rechtsstaatliche Grundsätze ignoriert. Wer sein Haus auf einem Grundstück gebaut hat, das wegen der Olympia-Planung in Peking oder des Expo-Fiebers in Shanghai zur staatlichen oder auch privaten Spekulationsfläche geworden ist, kann plötzlich verjagt werden. Sollten die zugereisten China-Enthusiasten mal selbst von solcher Willkür betroffen sein, bekommen allerdings auch sie schlechte Laune. So kapitalistisch ist der chinesische Kapitalismus, daß noch nicht einmal profane Eigentumsrechte respektiert werden, von den Rechten des geistigen Eigentums ganz zu schweigen.

Diese wirtschaftliche Dynamik hat eine zerstörerische Kraft, die sich nicht nur gegen alte Wohnquartiere, die traditionellen Hutongs richtet, sondern die das chinesische Ordnungsgefüge insgesamt bedroht. Raffgier und Korruption bestimmen jede Gesellschaft, die in so kurzer Zeit einen solchen Transformationsprozeß durchmacht. Die politische Spitze der KP ist angeblich bemüht, das mafiöse Bandenwesen einzudämmen, doch mag man die Anstrengungen nicht wirklich ernstnehmen. Gut bewacht und abgeschirmt von der Öffentlichkeit residieren die Kader in einem eigenen Pekinger Stadtbezirk neben der kaiserlichen Verbotenen Stadt, und auch jene neue verbotene Zone wirkt, als wollten ihre Bewohner eigentlich gar nicht wissen, was draußen los ist. Dabei wird ihnen eines zumindest nicht entgangen sein: daß die zunehmende Motorisierung und Technisierung zu einer verheerenden Umweltverschmutzung geführt hat. Der Smog in Peking ist so penetrant, daß man froh ist, wenn nach vielen düsteren Tagen dann doch wieder mal die Sonne zu sehen ist.

Auf dem Rückflug nach Frankfurt las ich eine deutsche Wochenzeitung, die in ihrer Titelgeschichte fragte: "Wird die Welt chinesisch?" - Das wird sie erst mal nicht, aber wer wissen möchte, wie die Welt in zehn, zwanzig Jahren aussehen könnte, und wer über die Zukunft Europas auch noch einmal ernsthaft nachdenken will, der sollte nach China fahren. Denn die Frage, die wir uns in Deutschland, England und Frankreich zu stellen haben, zielt auf das Verhältnis von Wirtschaft und Politik, auf jene Kultur der Aufklärung, in deren Zentrum die Idee von einer gerechten Welt steht. Die Europäer werden sich eines Tages wohl sehnsüchtig an die Zeit erinnern, in der sie noch unter amerikanischem Patronat standen. In den Vereinigten Staaten jedenfalls gehen die meisten Wirtschaftsfachleute und Politikwissenschaftler davon aus, daß China im 21. Jahrhundert die Führungsrolle in der Welt übernimmt und daß die Maßstäbe, die dann gelten, sich nicht an freiheitlichen Idealen orientieren.

Es ist kein Wunder, daß gerade in diesem nun beginnenden chinesischen Zeitalter die deutsche Sozialdemokratie am Boden liegt und die Christdemokraten sich von der katholischen Soziallehre sehr weit entfernt haben. Durch den gewaltigen Druck, der von Ländern wie Indien, Brasilien und vor allem von China auf die Preis-, Lohn- und Produktionspolitik im alten Europa ausgeübt wird, befinden sich all jene Politiker auf einem langen Rückzugsgefecht, die vom Staat nicht nur politische Repräsentation, sondern auch sozialen Ausgleich fordern. Statt wieder in die Offensive zu gehen und eine Debatte zu führen, in welche Richtung sich Europa, sich Deutschland entwickeln soll und kann, überantwortet das politische Führungspersonal die Gestaltungskompetenz der Gesellschaft zunehmend ökonomischen Akteuren. In China mag das derzeit funktionieren, weil dort der autoritäre Nachtwächterstaat stets bereit ist, Krisenphänomene im Keim zu ersticken. Aber was ist mit dem Rest der Welt?

Carsten Otte