Lob der Assistenz

ADFC-Kolumne „Herr Otte fährt Rad“

Es war eine Sensation, die der Daimler-Konzern zur diesjährigen Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt verkündete: Das Forschungsfahrzeug S 500 hatte im August eine autonome Langstreckenfahrt im Überland- und Stadtverkehr absolviert – auf rund 100 Kilometer von Mannheim nach Pforzheim. Es war die die legendäre Strecke, die Bertha Benz mit ihren Söhnen (und gegen den Willen ihres Mannes) im Patent-Motorwagen Nummer 3 am 5. August 1888 zurückgelegt hatte. Autonome Langestreckfahrt? Ja, das Auto machte alles selbst. Fahren, bremsen, lenken, Gas geben. Der Wagen hatte dabei die unterschiedlichsten Aufgaben zu lösen, nämlich auf 155 Ampeln und 18 Kreisverkehren zu reagieren, auf zahlreiche zu schnelle oder falsch fahrende PKW-Lenker zu achten, auf Busse und Straßenbahnen, Fußgänger und Radfahrer. Alles kein Problem.

Der Daimler-Konzern geht davon aus, dass die Technik in ca. 20 Jahren serienreif sein wird. Bis dahin müssen noch viele rechtliche Fragen geklärt und die Ängste der Autotraditionalisten abgebaut werden, die es sich nicht vorstellen können, dass ein Computer das Fahrzeug steuert. Schon heute gibt es zahlreiche sogenannte Fahrer-Assistenzsysteme, aber die Zukunft beschert uns eine Karre, die wirklich auto ist. Für uns Radfahrer bedeutet diese Entwicklung einen unvorstellbaren Zuwachs an Sicherheit. Denn selbst wenn die Software mal spinnen sollte, in der Regel wird sie nicht ganz so verrückt sein wie die meisten automobilen Ego-Shooter.

Das Verhältnis der meisten Autofahrer zu ihrem Fahrzeug ist von einer seltsamen Mischung aus Aggression und Liebe geprägt. Vor allem Männer tun sich schwer damit, auf dem automobilen Gefühlsparcours Kompetenzen abzugeben. Selbst wenn dieser Verzicht ein Dienst am mobilen Rest der Menschheit wäre. Über die jährlich 3000 Toten im deutschen Straßenverkehr wollen die Drängler und rasenden Hitzköpfe nur ungern reden. Doch der Intelligent Drive, wie Daimler seine Technologie nennt, wird sich durchsetzen. Aus Fahrern werden dann Passagiere. Einen Führerschein braucht man in diesen Zeiten garantiert nicht mehr.

Ja, ich freue mich auf die Vollautomatisierung. Auf ein Auto, das mitdenkt und dem ich sagen kann: Fahre mich zum Theater nach Straßburg! Zum Essen ins badische Murgtal! Zu Freunden nach Mainz. Dieses Allzeitbereit-Taxi wird mit dem allerneuesten Sprachcomputer ausgestattet sein, wird an der Art und Weise, wie ich meinen Wunsch formuliere, sofort erkennen, wie die Route zu wählen ist: Wenn ich Zeit habe und in Genießerstimmung bin, wird mich mein kluges Gefährt durch schöne Landschaften führen, nie zu schnell fahren, vielleicht eine kurze Rast an einem Ort mit schöner Aussicht vorschlagen. Wenn ich aber in Eile bin, wird jede Abkürzung genutzt, darf der Auto-Roboter auch Spitzengeschwindigkeiten abrufen, ohne daß es mich nervös machen würde. Einem rasenden Rechner vertraue ich. Mein Robo, so nenne ich ein autonomes Fahrzeug, weiß sich übrigens zu benehmen. Er hält an, wenn Fußgänger am Zebrastreifen stehen und warten.

In dieser wünschenswerten Zukunft wird es selbstverständlich immer noch Männer geben, die selbst Hand ans Steuerrad legen wollen, die das Gasgeben und Kuppeln nicht lassen können, die meinen, Individualverkehr sei mehr als ein häßliches Wort. Doch sollte ein automobiler Fundamentalist sich nicht in den friedvollen Robo-Fahrfluß einordnen und mit penetranten Lichthupsignalen die linke Autobahnspur freikämpfen oder einen Radler von der Bahn drängen wollen, greift künftig ein anderer Mechanismus: Sateliten melden die Störung des geregelten Autoverkehrs einer Überwachungszentrale, die umgehend die Kontrolle über das Auto übernimmt und den Störenfried via Fernsteuerung zur nächsten Polizeistation transportiert. Ja, Überwachung hat auch Vorteile.

Wer dieses Szenario für unwahrscheinlich hält, sollte sich mit Wolfgang Müller-Pietralla unterhalten, der bei Volkswagen die Abteilung Zukunftsforschung und Trendtransfer leitet. Autofutorologen wie Müller-Pietralla machen sich inzwischen Gedanken darüber, was die Fahrzeuginsassen tun können, wenn sie das Auto nicht mehr zu lenken brauchen. Die Zeit mit Computerspielen vertreiben? Tee trinken? Ein Fertigmenü in der Bordmikrowelle zubereiten? Wer unterwegs nicht nur konsumieren, sondern sich aktiv fortbewegen will, kann das auch weiterhin tun: Man muss dann aber aufs Rad umsteigen. Somit wird der wohl dumpfeste Autofahrer-Spruch eine ganz andere Bedeutung erhalten: Freie Fahrt für freie Bürger!

Carsten Otte

in: FahrRad. Das Magazin des ADFC-Kreisverbands Baden-Baden · Bühl · Rastatt 1-2014