Im Osten nichts Neues?

Über die Wiederkehr der DDR in einem aggressiven Heimatgefühl

Eigentlich war das Thema Ostidentität längst abgehakt. Vor vier, fünf Jahren noch wollte kaum ein westdeutscher Redakteur einen Artikel über das Lebensgefühl in den neuen Bundesländern drucken, kaum ein Rundfunkjournalist aus dem Westen wollte sich nach all den publizistischen Mühen zur Wiedervereinigung noch länger mit einer Mentalitätsgeschichte befassen, die irgendwie vertraut und doch so fremd erschien. Das war die ideale Zeit, um fernab der aktuellen Aufgeregtheiten noch einmal über jenen Schnitt in der deutschen Geschichte nachzudenken, der zwei Landesteile zusammenfügen sollte. Und wer sich Ende der neunziger Jahre, als in der Öffentlichkeit nur noch Sonntagsredner feuchte Augen bekamen, wenn sie vom Mauerfall sprachen, tatsächlich mit dem deutsch-deutschen Einheitsprozeß beschäftigte, ahnte bereits, daß dieses Thema keineswegs gestorben war.

Nicht nur am ostdeutschen Kneipentisch oder im westdeutschen Kegelklub, sondern eigentlich überall, wo sich Leute trafen, die mit der Auflösung des Ostblocks etwas verloren hatten oder ihrer Meinung nach nicht schnell genug auf die Gewinnerstraße kamen, wuchs das Bedürfnis, über Lebensentwürfe zu sprechen, die ihren institutionellen Bezug verloren hatten. Das konnten westdeutsche Linke sein, denen die Projektionen gen Osten verloren gegangen waren. Das konnten Arbeiter und Angestellte in Halle wie in Bochum sein, die im Zuge der Globalisierung ihren Job verloren hatten. In diesen stürmischen Zeiten, so erfuhr man, sehnten sich die Deutschen - aufgrund der verschärften Lage insbesondere die Ostdeutschen - nach einem emotionalen Rückhalt. Wenn die Zukunft schon in die Hose gehen mochte, dann sollte wenigstens die Vergangenheit in trockenen Tüchern sein. Im Osten bezog man sich also verstärkt auf die DDR-Vergangenheit, im Westen auf die gute, alte Bonner Republik. Beginnen wir mit dem Osten.

Eine typisch ostdeutsche Lebensgeschichte - was auch immer das im einzelnen sein soll - kann seitdem je nach Perspektive als Stigma oder auch als Auszeichnung verstanden werden. Wobei die Definitionshoheit grundsätzlich bei den Betroffenen liegt. So gab Bundestagspräsident Wolfgang Thierse einmal zu Protokoll, daß seine Landsleute im Osten mit einem größeren Gerechtigkeitssinn ausgestattet seien. Deshalb würden sie auch besonders heftig gegen die Sozialkürzungen der Bundesregierung protestieren. Wolfgang Thierse konnte sich auf eine Reihe von Sozialpsychologen und Kulturwissenschaftler berufen, die schon kurz nach dem Fall der Mauer neue Trennlinien gezogen hatten.

Dem Ostdeutschen, so las man nämlich in ihren Studien, sei die Moral und das Zusammengehörigkeitsgefühl wichtiger als das individuelle Fortkommen. Dem Westdeutschen hingegen komme es darauf an, die gesteckten Ziele zu erreichen. Und man erfuhr noch viel mehr in diesen Charaktermodellen: Ossis zum Beispiel seien ehrlicher und heben die Gemeinsamkeiten hervor; Wessis verstünden sich aufs Rollenspiel und betonen die Unterschiede. Hochwissenschaftliche Typologien der Einstellungs- und Verhaltensmuster in Ost- und Westdeutschland wurden veröffentlicht, wobei die Quintessenz dieser Untersuchungen auf die These hinauslief, daß der Ossi an sich das Gegenteil vom Wessi an sich sei. Die charakterlichen Zuschreibungen konnten noch so klischeehaft oder vollkommen an den Haaren herbeigezogen sein, es fand sich immer eine deutsch-deutsche Talkshow-Runde, in der auf neue Ergebnisse in der Ost-West-Forschung hingewiesen wurde. Was schon immer zweifelhaft war, nämlich die Konstruktion eines Nationalcharakters, wurde nun spezifiziert. So verschieden sei die Sozio- und Psychogenese in den beiden deutschen Landesteilen gewesen, daß man sich bloß nicht wundern solle, warum der Einigungsprozeß nur schleppend voranginge. Von der "Mauer in den Köpfen" sprachen die Feuilletonisten und bald auch die Politiker, und mit dieser Formulierung erschien die mangelhafte ökonomische Organisation der deutschen Einheit fast als zweitrangig. Über mentale Probleme läßt es sich halt leichter reden als über die schöne Lüge von den blühenden Landschaften, an die man doch so gern geglaubt hatte.

Besonders aussagekräftig erschien in diesem Zusammenhang die angeblich unterschiedliche Humortradition in Ost- und Westdeutschland. Wer mal nachgeschaut hat, wird feststellen, daß die Pointen in den beiden Teilen Deutschlands aber erstaunlich ähnlich sind. In dem Buch "So lachte man in der DDR" findet man zum Beispiel die folgende Witzfrage: Was ist der Unterschied zwischen einem Fuchs und einem Wessi?

Die Antwort lautet: Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm, der Wessi macht es andersrum. In einem Standardwerk über bundesdeutsche Komik lautet die Version:

Was ist der Unterschied zwischen einem Fuchs und einem Ossi? Antwort: Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm, der Ossi macht es andersrum.

Humor ist also, wenn der andere dumm da steht. Und angesichts der steigenden Arbeitslosenzahlen in Ost und West, angesichts der ökonomischen Krise, die sich - abgesehen von der New-Economy-Blase - auch im Westen schon Mitte der neunziger Jahre andeutete und die damals im Osten längst offenkundig war, angesichts dieser Misere wurden bald die Schuldigen gesucht. In Westdeutschland wurde der Osten, dem man endlich die Solidaritätsbeiträge entziehen wollte, als Hemmschuh im freien Weltwirtschaftswettrennen betrachtet. Wir würden im internationalen Vergleich, so hörte man nun im Westen, sehr viel besser dastehen, wenn die Einheit nicht so teuer wäre. Im Taumel des Mauerfalls gehörten zu diesem Wir noch die Brüder und Schwestern aus dem Osten. Wenige Jahre später war dieses Wir schon wieder westdeutsch geworden. Die Ausgeschlossenen fanden sich natürlich auch zu einem Kollektiv zusammen. Wir im Osten. Nur daß dieses Identitätsmodell brüchiger war. Zu schlecht die Zukunftsaussichten, zu hoch die Zahlen der Landsleute, die auch nach dem Fall der Mauer nach Westen zogen. Gerade weil die Ost-Identität auf keinem stabilen Fundament gebaut werden konnte, wurde sie umso starrer verteidigt. Hatte man auf den Montagsdemonstrationen noch die Einführung der D-Mark und die deutsche Einheit gefordert, stand plötzlich wieder alles, was aus dem Westen kam, unter Generalverdacht. Vor allem das neue Wirtschaftssystem. Der Kapitalismus. Die ehemaligen Bürger der DDR müssen sich wohl daran erinnert haben, was ihre Staatbürgerkundelehrer jahrzehntelang über den Klassenfeind erzählt hatten, und in gewisser Weise schien die dogmatische Lehre ja bestätigt zu werden. Die Rücksichtslosigkeit, mit der westdeutsche Konzerne ostdeutsche Betriebe übernommen und liquidiert haben, mußte nicht lange interpretiert werden. Wenn eine Vielzahl von empirischen Untersuchungen eine geringere Demokratieakzeptanz in Ostdeutschland feststellt, so liegt das auch daran, daß die neue politische Ordnung nur als Appendix der ökonomischen verstanden wurde, die die Lebensverhältnisse spürbar verschlechtert hatte. So gewann im Osten ein Wirtschaftsmodell wieder Popularität, das zwar keine Südfrüchte herbeigezaubert, aber ein Grundmaß an sozialer Sicherheit garantiert hatte. Womit die Vergangenheit, die von der Teilung Deutschlands lebte, eine neue Zukunft erhielt.

Der Verlust des biographischen Bezugsrahmens DDR wäre vielen Ostdeutschen leichter gefallen, wenn sich der Ersatz als nicht so trügerisch erwiesen hätte. Es gehört zu den größten Fehlern der deutsch-deutschen Einheitspolitik, so unehrlich gewesen zu sein. Helmut Kohl gewann zwar die ersten gesamtdeutschen Wahlen, Deutschland verlor mit Kohls Versprechungen aber viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte auf dem Weg zur inneren Einheit. Die große Chance, Elemente aus beiden politischen, sozialen und ökonomischen Systemen in das wiedervereinigte Land einfließen zu lassen, wurde vertan. Die Westdeutschen benahmen sich wie Sieger, die Ostdeutschen empfanden sich als Verlierer. Und beide Haltungen prägen den Prozeß der Entfremdung noch heute. Wer die Schlußkapitel all jener Bücher durchforstet, die sich mit den vergangenen 15 Jahren deutsche Einheit befassen, wird immer auf die Formulierung stoßen, daß der "gesellschaftllich-politische Umbruch in den neuen Bundesländern längst noch nicht abgeschlossen ist". Von einer Stagnation im Westen ist in den wenigsten Publikationen die Rede. Was wahrscheinlich daran liegt, daß die meisten Ost-West-Studien von Westdeutschen geschrieben worden sind. Erst spät hat man in der alten Bundesrepublik begriffen, daß der Fall der Mauer auch das Leben in Mönchengladbach, Idar-Oberstein oder Sigmaringen beeinflußen könnte. Der Soli-Beitrag hatte von Beginn an die Funktion eines Ablaß-Handels. Für das Desinteresse dem Osten gegenüber zahlte der Bundesbürger viel Geld, also mußte doch alles in Ordnung sein. Nichts aber war in Ordnung. Wo einst die Freiheit gefehlt hatte, um die Welt zu bereisen, kämpften nun viele Familien darum, überhaupt ihre Miete zu bezahlen - um bleiben zu können, wo man zu DDR-Zeiten deutlich preisgünstiger gewohnt hatte.

Natürlich gab es auch die Wendegewinner, die nur darauf gewartet haben, sich marktwirtschaftlich zu orientieren. Doch die vermeintlichen Aufsteiger gehörten oft auch schon in der DDR-Vergangenheit zu den oberen Zehntausend. Enttäuschungen und Aggressionen waren die Folge, und ausgerechnet die PDS, also die SED-Nachfolgepartei, hat dem Einheitsfrust eine politische Heimat gegeben. Das stößt im Westen auf Unverständnis , nicht selten ist von Undankbarkeit die Rede. Verärgert sind auch die ostdeutschen Bürgerrechtler, die jahrelang gegen die DDR-Obrigkeit gekämpft hatten und dann zusehen mußten, daß die medienerfahrenen Stars der Postsozialisten zumindest die realsozialistische Lebenswelt wieder salonfähig gemacht haben. Ihre Verbitterung ist so groß, daß viele von ihnen mit unangenehmen Haßtiraden auffallen, wenn es um die Aufarbeitung und Bewertung der DDR-Geschichte geht. Dem imaginären Durchschnittsossi sind derlei Ausfälle allerdings vollkommen schnuppe - er freut sich, im Supermarkt endlich wieder seine alten Ostprodukte kaufen zu können.

Im Westen verlief die Entwicklung übrigens nicht anders. Dort wurde die dekadent-ironische Popkultur der späten achtziger Jahre zur neuen westdeutschen Leitkultur ausgerufen. Hedonismus hieß bei den Söhnen und Töchtern der  Wirtschaftswundergeneration, Nutella statt Nudossi zu essen. Und mit dem häßlichen Osten wollten diese Konsum-Ästheten nichts zu tun haben. Dabei gab und gibt es durchaus deutsch-deutsche Überschneidungen. Ich habe sowohl Wessis als auch Ossis getroffen, die zu Partys mit T-Shirts erschienen sind, auf denen das ostdeutsche Ampelmännchen, das Staatswappen der DDR oder sogar Erich Honecker gedruckt waren. Die Sehnsucht nach den klaren Imperativen, wie sie im Kalten Krieg ausgegeben wurden, hat also längt die Unterhaltungsbranche erreicht und ist damit in eine politisch-unpolitische Verkaufsmasse überführt worden. Vor allem auf dem Buchmarkt explodierte das Geschäft mit den deutsch-deutschen Vergangenheitssehnsüchten.

Es waren die sogenannten Thirtysomethings aus dem Westen, die sich als Ewiggestrige entpuppten und den kulturindustriellen Boom lostraten. Als Florian Illies in seinem Buch über die "Generation Golf" die vermeintlichen Eckdaten einer westdeutschen Jugend in den achtziger Jahren festschrieb und den larmoyanten Erinnerungstonfall zum literarischen Stil erhob, stand schon fest, daß es bald ein ostdeutsches Pendant geben würde. Daß Jana Hensel sich in ihrer Verallgemeinerungsarie über die "Zonenkinder" allerdings so wenig Mühe gab und sogar die Erzählweise ihres westdeutschen Vorbilds kopierte, forderte ihre Landsleute heraus, nun ebenfalls loszulegen. Und so wurde ein ostdeutsches Erinnerungsbuch nach dem anderen veröffentlicht, das sich mehr oder weniger intensiv an dem Zonenkinderkomplex abarbeitete.

Konnte man das erste Illies-Buch noch als charmanten Text eines traurigen Snob verstehen, der über seine neureiche Peergroup viel, über die Mehrheit seiner Altersgenossen aber nur sehr wenig erzählen konnte, weil er zum Beispiel keine Vorstellung von den Lebensverhältnissen in westdeutschen Sozialwohnungen hatte, wollte Illies weniger analysieren als amüsieren, kam Zonenkind Hensel wie eine beleidigte Leberwurst daher und beschwerte sich als Anwältin aller Jungossis darüber, daß nach der Wiedervereinigung, so schrieb sie in ihrem Zonenkinder-Buch, "in kürzester Zeit alle Orte der Kindheit verschwunden waren oder ein neues Gesicht erhalten hatten". Daß es keine Seltenheit ist, wenn die Orte der Kindheit verschwinden oder ein neues Gesicht erhalten, daß sich auch Westdeutschland im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte hier und da verändert hat, daß im neuen Osten manche Gegend aber noch immer nach alter DDR aussieht, all diese Banalitäten, die ihr irgendein Lektor bestimmt wird zugeflüstert haben, konnten Jana Hensel aber nicht davon abgehalten, einen folgenschweren Satz zu schreiben: "Heimat, das war ein Ort, an dem wir nur kurz sein durften."

Während die Älteren in Ostdeutschland mit dem Ende der DDR tatsächlich den Verlust eines Ordnungsgefüges zu verkraften hatten, drückten die Jüngeren auf die Tränendrüse. Statt froh zu sein, daß der - und den gab es wirklich - zonale Muff der Kindheit sich im Erwachsenenleben doch ein wenig verzogen hatte, koppelte Hensel ihre Teeniezeit an einen Heimatmythos. Seitdem taucht dieses diffuse Vertriebenengefühl in ostdeutschen Erinnerungsbüchern auf, ein Gefühl, das vor allem darüber Auskunft gibt, wie schade es doch sei, die Welt nicht mehr mit DDR-Kinderaugen, DDR-Kinderohren oder einer DDR-Kindernase erleben zu dürfen. Heimatgefühle werden übers Sehen, Hören, Riechen und Schmecken gesteuert. Die Strategen der Heimatindustrie wissen das. In dem Buch "So schmeckte es in der DDR" können mehr oder weniger typisch ostdeutsche Rezepte nachgelesen werden. Der neugierige Leser erfährt darin, auf welch abenteuerlichen Umwegen manch eine Sättigungsbeilage auf den ostdeutschen Teller kam. Warum aber das Bauernfrühstück mit Kartoffeln, Speck und Zwiebeln und auch der Hawaii-Toast ostdeutschen Artenschutz genießen, mag selbst der geneigte Wessi nicht begreifen. Bei all den olfaktorischen Genüssen, die in der DDR bereitgestellt wurden, würde es mich nicht wundern, wenn es bald einen findigen Hausbesitzer geben wird, der seinen Mietern alte Braunkohle-Briketts zur Verfügung stellt, damit die Nase gleich weiß, daß sie in einem Ost-Kiez schnüffelt. Auf daß die Zonenkinder ihre Heimat wiederfinden, die ihnen so abrupt abhanden kam.

Der skurrile DDR-Kult provoziert natürlich Häme. Weniger unterhaltsam sind dagegen jene Heimatbücher, die in ihren "schönen Erinnerungen an eine fast normale Kindheit" schwelgen, um dann mit großer politischer Naivität alle politischen Maßstäbe zu verlieren, wie das zum Beispiel in Claudia Ruschs Buch "Meine Freie Deutsche Jugend" der Fall ist. Traurig, schreibt sie, sei ihre Kindheit, weil ihr nachträglich die Illusionen über ihr Ferienidyll genommen worden seien: "Ich wußte damals nicht", so Claudia Rusch, "wie viele Menschen bei Fluchtversuchen über die Ostsee umgekommen waren, daß skandinavische Fischer über Jahre hinweg immer wieder Leichen in ihren Netzen fanden und dass mein geliebtes Meer von der DDR zur mörderischen Falle umfunktioniert wurde. Ich bin nicht sicher, ob ich je wieder in der See gebadet hätte, wäre es mir bewußt gewesen." Soweit Claudia Rusch.

Ob die Autorin noch ins Mittelmeer steigt, obwohl dieses Gewässer für zigtausend Flüchtlinge aus Afrika schon tödlich war, will man gar nicht wissen, ihr Text zeigt aber sehr deutlich, zwischen welchen ideologischen Polen, der oft zitierte Heimatverlust verortet wird. Entweder ist die DDR ein Höllenstaat, der die Lebensträume seiner Bürger geraubt hat. Oder sie wird zur Projektionsfläche für jene Ostalgiker, die eine Kolonisierung ihrer alten Lebenswelt beklagen, sich Bestseller wie "Fröhlich Feste feiern - Das ultimative DDR-Feten-Buch" zulegen und sich darüber freuen, wenn der Mitteldeutsche Rundfunk altes Fernsehmaterial aus DDR-Zeiten versendet. Die Multiplikatoren der Ostalgie-Welle werden immer sagen, man müsse diese Art der Vergangheitsbewältigung nicht so ernst nehmen, aber der Humor, der sich betont ostdeutsch gibt, kennt oft nur ein Witzmerkmal: die regionale Distinktion. Abrafaxe, hihihi, wie lustig, die kenn ich und du nicht! Was die Comic-Helden anbelangt, haben die Ossis tatsächlich einen Wissensvorsprung. Denn Donald Duck und Mickey Mouse waren auch jenseits des Eisernen Vorhangs bekannt.

Waren es am Anfang junge Modeleute aus Berlin-Mitte, die mit den Emblemen des Realsozialismus auf affirmativ-subversive Weise spielten und gute Geschäfte mit den besagten Ampelmännchen-T-Shirts machten, hat sich nun ein großer Markt entwickelt, auf dem die Ostdeutschen aller Alterstufen ihren Heimatverlust kompensieren können. Stolz ist man in der Sonderwirtschaftszone auf "hiesige" Produkte, und damit entspricht diese Haltung genau dem Lebensgefühl eines Bayern, der meint, er trinke bessere Milch, wenn sie nur aus dem Hause Weihenstephan kommt. Regionale Distinktion ist ein gesamtdeutsches und ziemlich zeitloses Phänomen. Selbst die Markenfixierung, die als Charakteristikum der Kohl-Jugend gilt, hat es in der DDR gegeben, wie man etwa in Manfred Kirschs Wegweiser "Die Marken bitte!" erfährt. So unterschiedlich hat der Fetischcharakter der Ware in den beiden Deutschlands offenbar nicht gewirkt, und wahrscheinlich sind sich die Menschen in Ost und West auch deshalb heute noch so ähnlich.

Die Differenzen in Kultur und Mentalität, ob nun von der realkapitalistischen oder von der realsozialistischen Bewußtseinsindustrie propagiert, sind auf jeden Fall geringer, als dies der ostdeutscher Heimatkundler Peter Richter und mit ihm eine große Folklore-Gemeinde vermutet. "Assimilation ist leider unmöglich", schreibt er in seinem Kolumnenband "Blühende Landschaften". "Man kann nicht Westdeutscher werden. Man kann höchstens westdeutscher werden als die Westdeutschen. Eine Karikatur von ihnen. Vielen Ostdeutschen ist das eindeutig gelungen. Wie fremd man wirklich ist, merkt man oft erst, wenn man ernsthaft versucht, sich anzupassen." Peter Richter. Wer über diese Sätze schmunzeln kann, sollte ihren Humor-Gehalt mal testen und statt westdeutsch an die entsprechenden Stellen hessisch einsetzen. Ich als Rheinländer könnte demnach erklären: Man kann nicht Hesse werden. Man kann höchstens hessischer werden als die Hessen. Eine Karikatur von ihnen. Vielen Rheinländern ist das eindeutig gelungen. Und so weiter und so fort. - Wenn ich als Rheinländer, der ich mittlerweile in Berlin und Baden-Baden wohne, in ein hessisches Dorf fahre, fühle ich mich etwas fremd. Na und? Ein anderer Rheinländer käme in den hessischen Provinzen bestimmt sehr gut zurecht.

Durchaus relevant wird das heimatkundliche Differenzgerede, wenn es in einen Identitätsrausch umschlägt, und das bekommen all jene zu spüren, die sich nicht an die Regeln eines bestimmten sozialen Terrains halten. Als ich in dem Ostberliner Bezirk Schöneweide aus meinem Roman "Schweineöde" las, fragte mich ein empörter Lokalpatriot, woher ich, der Bonner, denn das Recht nähme, über seinen Kiez zu schreiben und seinen Heimatbezirk mit einem bösartigen Romantitel zu verunglimpfen. Mitreden darf also nur, wer zum Stamm gehört. Und die Stammesrituale gelten noch immer als schützenswertes Gut. Nicht nur im wilden Osten, sondern auch im westdeutschen Alternativmilieu. Oft sind es die Überreste eines falsch verstandenen Multikulturalismus, dessen multirassistische Grundlagen inzwischen mit den Attributen der Hippness veredelt werden. Das Fremde tolerieren, heißt die Maxime. Oder auf gut ostdeutsch: Wer braucht schon Mc Donald´s wenn es Spreewaldgurken gibt? Wer allerdings von regionalen Traditionen schwärmt, als seien die ein Garant gegen das amerikanische Weltkapital und wer demzufolge die Ossis für eine Spezies hält, die vom Aussterben bedroht ist, hat sich schon mit der etwas schärferen Variante des Identitätswahns angefreundet. So wird die Frage, "warum es gerade im Osten Deutschlands immer wieder zu rechtsradikalen Gewalttaten kommt", in den unzähligen Ost-West-Büchern nur selten gestellt. Und wenn, dann von jüdischer Seite: Annetta Kahanes Lebenserinnerungen "Ich sehe was, was du nicht siehst" beschreiben die etwas andere Seite der deutschen Einheit. Sie zeigen nämlich, wie eng die Xenophobie in der DDR mit dem Rassismus im neuen Ostdeutschland verbunden ist.

Dort wird - vor allem wer in ländlichen Gebieten oder in den falschen Stadtbezirken unterwegs ist - früher oder später auf Neonazi-Gruppen stoßen. Leider sind die nicht mehr so leicht als solche zu erkennen. Die obligatorische Glatze ist nur noch selten. Die Mode dieser rabiaten Heimatschutzbanden hat sich der Zivilgesellschaft angepaßt. Mit Anzug und Krawatte betreten sie die Parlamente, um dort dann zumindest verbal zuzuschlagen. Wie etwa im Sächsischen Landtag, wo ein NPD-Abgeordneter die Luftangriffe der Aliierten auf Dresden einen "Bombenholocaust" nannte. Während die Parlamentsnazis die Demokratie zu stören versuchen, erledigen ihre Schläger-Kumpanen draußen ihre dreckigen Jobs. Die aktuellen Statistiken über ausländerfeindliche Übergriffe im Osten, also dort, wo es ohnehin nur wenige Ausländer gibt, sind so alarmierend, daß man längst nicht mehr von einer aggressiven Jugendkultur wie etwa der Punk-Bewegung sprechen kann. Die Rechtsradikalen haben durchaus in vielen ostdeutschen Schulen eine Deutungshoheit, aber ihr Wirkungsgrad geht weit über den Schulhof hinaus. Nicht selten kommen die Kader der mittlerweile sehr gut organisierten ostdeutschen Nazis aus den alten Bundesländern - mit dem Nebeneffekt, daß die West-Skepsis der antifaschistisch geprägten PDS-Anhängerschaft noch bestätigt wird.

Die Rechtsradikalisierung im Osten einerseits und die Orientierung einer breiten, eigentlich sehr bürgerlichen Gruppe hin zur PDS hat dazu geführt, daß nach so gut wie jeder Ost-West-Debatte hierzulande über Patriotismus gesprochen wird. Die Wiedervereinigung scheint ein Sinn-Vakuum hinterlassen zu haben: Was verbindet die Menschen in Deutschland? Auf welche normativen Grundlagen können wir uns einigen? Was verlangen wir vom Staat? Von der Gesellschaft? Von Europa? Von jedem einzelnen? Statt den Einigungsvertrag schnell durch die parlamentarischen Gremien zu drücken, hätte man damals über diese Fragen in aller Öffentlichkeit nachdenken sollen. Vielleicht aber ist es auch ein Traum, wie er nur in der Kommunikationsphilosophie von Jürgen Habermas geträumt werden kann, daß ein öffentlicher Diskurs eine Gesellschaft freier und demokratischer macht. Denn im ständigen Wahlkampf unserer föderalen Demokratie zeugen die Antworten sowohl der Konservativen als auch der Sozialdemokraten auf die Frage nach dem Patriotismus von einer beschämenden Weltfremheit. Während die einen von Vaterlandsliebe und ihrem Stolz auf Deutschland schwadronieren und damit den komplexen Identitätsbeziehungen in der globalisierten Welt nur wenig gerecht werden, erinnern die anderen an einen Verfassungspatriotismus, der zwar nicht ganz so eindimensional angelegt ist, der aber die Menschen mit ihren Sorgen und Nöten nicht wirklich ernst nimmt. Was interessiert den Arbeitslosen das Grundgesetz, wenn er jeden Tag erlebt, wie wenig seine Würde wert ist?

Unter den gegebenen ökonomischen und politischen Verhältnissen mag man pessimistisch in die Zukunft schauen, wenn nicht gerade dies so furchtbar unproduktiv wäre. Alle parlamentarischen Parteien arbeiten sich derzeit an einer neoliberalen Agenda ab, und wer diesen simplen Sachverhalt einfach nur ausspricht, wird als Überbringer der schlechten Nachricht mit Liebesentzug bestraft. Als der Bundespräsident von den ungleichen Lebensverhältnissen in Ost und West sprach, die möglicherweise nicht so schnell angeglichen werden können, wie sich das Helmut Kohl noch ausgemalt hatte, empörten sich die ostdeutschen Ministerpräsidenten, obwohl sie doch wußten, daß Horst Köhler recht hatte. Auch Parteikollegen ließen ihn im Stich, die Patriotismusfalle, die der Journalist und Autor Wolfgang Herles in seiner Polemik "Wir sind kein Volk" so trefflich beschrieben hatte, schnappte wieder zu. Der Osten würde vom Westen hängen gelassen werden, hieß es unter Ost-Demokraten, und das aufgebauschte Gefühl, im Stich gelassen zu werden, half wiederum den Rechtsradikalen, die bei den folgenden Landtagswahlen Erfolge verbuchen konnten. Nach der PDS scheint dort nun die NPD vom dumpfen Protest- und Heimatgefühl zu profitieren.

Ausgerechnet der Medienkanzler Schröder schlug im vergangenen Herbst dann auch noch vor, den Tag der deutschen Einheit vom 3. Oktober auf einen Sonntag zu verschieben, was der deutschen Einheit ganz bestimmt nicht geschadet hätte, was die Ost-West-Patrioten im Lande aber wiederum sehr beunruhigte. Nun wird die deutsche Einheit auch künftig am 3. Oktober gefeiert werden, mit allerlei mahnenden Worten, patriotischen Phrasen und der nichtssagenden Botschaft, daß noch viel zu tun sei. Doch bis zum nächsten deutsch-deutschen Gedenktag muß nicht gewartet werden, denn es gibt ein Ost-West-Feld, das noch lange nicht vollständig beackert ist, und zwar die Staatssicherheit.

Wenn wieder einmal ein prominenter Ostdeutscher enttarnt wird, wenn weitere Akten ausgewertet werden, die eine Zusammenarbeit eines genauso prominenten Westdeutschen mit der Stasi belegen, wird der Streit wieder losgehen: Wieviel Kontakt war erlaubt? Wann ist der Betroffene ein Täter, wann ein Opfer? - Es gehört zu den Besonderheiten der deutschen Geschichte, daß es immer nur Opfer gegeben hat. Das war nach dem Ende des Nationalsozialismus der Fall und nach dem Ende der DDR ebenso. Was nicht heißt, daß ich die beiden Systeme miteinander vergleichen will, wie das in der Täter-Opfer-Debatte üblich ist. Opfer der Staatssicherheit, die meinen, in der Öffentlichkeit nicht genügend wahrgenommen zu werden, ziehen immer wieder Parallelen mit dem Terror der Nazis. Wenn man sich mit den Verhörmethoden der Staatssicherheit beschäftigt, wird man zwar zugeben müssen, daß die Praktiken der Folterknechte sich im Verlauf der Jahrhunderte nicht wesentlich geändert haben. Aber Leid ist nicht vergleichbar, und betrachtet man das ungeheure Ausmaß der Nazi-Verbrechen, verbieten sich Analogien sowieso. Die gut dokumentierte Geschichte der Staatssicherheit sollte vielmehr eine weitere Warnung sein, daß Staaten, die ihre Bürger vollends kontrollieren wollen, grundsätzlich die Menschenrechte außer Kraft setzen. Ob das dann damit begründet wird, ob der Sozialismus oder die Demokratie in Gefahr ist, spielt keine Rolle. Der Folterdienst für die möglicherweise auch gute Sache macht das Ideal zum Fluch. Auch das ist ein Unterschied zu den Nazis, die keinen Hehl daraus gemacht haben, was sie von den Juden hielten, nämlich nichts. Man sollte daher auch nicht von der NS-Ideologie sprechen. Denn eine Ideologie verspricht etwas, das ihre Verfechter in der Realitität nicht umsetzen. Hitler und Goebbels vertraten eine blutrünstige Weltanschauung , die sie in der deutschen Öffentlichkeit unmißverständlich dargestellt haben und der sie entsprechende Mordtaten haben folgen lassen.

Totalitarismusforschung nennt man jenen Wissenschaftszweig, der autoritäre Staats- und Gesellschaftssysteme miteinander vergleicht, und dieser Ansatz ist mittlerweile selbst totalitär geworden. Er dient als Werkzeug für eine nivellierende Rhetorik, die sich mit den unterschiedlichen Stufen staatlicher Repression nicht mehr auseinandersetzen will. Politisch opportun ist es, das Grauen in die historische Klamottenkiste zu packen. Doch so leicht läßt sich die Kritikfähigkeit dann doch nicht reduzieren. Ich habe nämlich die Erfahrung gemacht, daß es gerade unter jüngeren Lesern durchaus ein Gespür dafür gibt, wenn Volksvertreter Maßnahmen beschließen, die mit demokratischen Grundsätzen brechen.

Der konsumfixierte Anti-Held meines Romans "Schweineöde" steigert sich im Verlauf der Geschichte in eine Art Stasi-Fieber hinein, in dem er die Verbrechen im Überwachungsstaat DDR nachspielt. In dem Buch werden die Folterszenen, die in einem ehemaligen Gefängnis der Staatssicherheit stattgefunden haben, sehr genau beschrieben, und in fast allen Lesungen meldet sich ein Zuhörer, der bemerkt, daß ihn diese Passagen an den Folter-Skandal im Irak erinnern würden. Was aber nicht heißen solle - und auf diesen Hinweis legen die meisten Zuhörer ebenfalls sehr viel Wert - daß die DDR wiederum mit den USA zu vergleichen sei.

Vergleiche und Abgrenzungen, Identitäts- und Differenzbeschreibungen gehören zur Aufklärung und zur Propaganda gleichermaßen. Um herauszubekommen, was überwiegt, sollte man sich nicht nur auf die Medien verlassen, die zu vorgegebenen Anlässen und oft sehr spät ihre Bilder, Töne und Texte anbieten. Den Fall der Mauer haben, auch als er unmittelbar bevorstand, im Osten wie im Westen die wenigsten Journalisten für möglich gehalten. Und wer heute den Rechtsradikalismus in Ostdeutschland für ein Übergangsphänomen hält, wird sich in den nächsten Jahren ebenfalls sehr wundern. Begreifen wird man diese bald auch für den Westen sehr bedrohliche Entwicklung aber nur, wenn man nachzuvollziehen versucht, was im deutsch-deutschen Einheitsprozeß schiefgelaufen ist. 

SWR2 Aula vom 13. Februar 2005