Es rollt nicht mehr

Warum sich Reifenhersteller neue Geschäftsfelder suchen werden

Wenn wir in ein paar Jahren auf die große Autokrise zurückblicken werden, dann erinnern wir uns bestimmt an ein seltsames Rührstück, das die Unternehmerin Maria-Elisabeth Schaeffler an einem kalten Februartag vor den Toren ihrer Firma aufgeführt hat. Mit rund 8000 Mitarbeitern demonstrierte sie für den Erhalt ihres Konzerns, den sie durch risikoreiches Management in Gefahr gebracht hatte. Die Schaeffler-Gruppe, ein bislang erfolgreicher Automobilzulieferer, wollte die viel größere Continental AG übernehmen, und als die Krise kam und die Schulden wuchsen, forderte sie in tränenreicher Eintracht mit ihren Angestellten umfangreiche Staatsunterstützung.

Aus der Sicht von Frau Schaeffler mag der Auftritt sehr clever gewesen sein. Besser der Staat zahlt, als das Privatvermögen, das mehr als vier Milliarden Dollar umfaßt, geht verloren. Aber warum die Mitarbeiter von Schaeffler nicht einen Funken Klassenbewußtsein aufbrachten und, statt nach dem Staat zu rufen, ein paar Millionen aus der Portokasse der Mitdemonstrantin forderten, ist ein Rätsel. Ein groteskes Symbol für den Niedergang der Autoindustrie sowieso.

Da viele Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen, darf man sich im Grunde nur klammheimlich über die Autokrise freuen. Doch wer wie ich nie einen Führerschein gemacht und sich über die Häßlichkeit des massenhaften Individualverkehrs immer geärgert hat, denkt ein wenig anders über den Wandel in dieser Branche: Denn endlich wird in breiter Öffentlichkeit (und nicht nur unter Ökos) über die Versäumnisse der Hersteller, die Notwendigkeit emissionsärmerer Antriebsmotoren und die Frage nach der Mobilität auch ohne Auto diskutiert.

Die Zukunft der Reifenhersteller sieht düster aus, ganz unabhängig vom dreisten Größenwahn einer Frau Schaeffler. Ob Bridgestone, Continental oder Michelin, die Geschäftsberichte der Gummi-Industrie verkünden in jüngster Zeit immer häufiger Gewinneinbrüche. Die Preise für die Rohstoffe steigen, der Verkauf verläuft schleppend. Möglicherweise müssen sich die Reifenhersteller neue Erwerbsfelder erschließen oder sich auf lukrative Nebenbeschäftigungen konzentrieren. Michelin zum Beispiel könnte das Geschäft mit den roten Führern für reisende Feinschmecker weiter ausbauen. Diese kulinarischen Wegweiser wird es, gedruckt oder in digitaler Form, garantiert noch geben, selbst wenn kein Mensch mehr Autoreifen kauft.

Dabei würde ich ohnehin jedem raten, der sich fürs Essen ernsthaft interessiert, den Führerschein so schnell wie möglich abzugeben. Denn nur wer vielseitig und viel ißt, kann beurteilen, ob das, was er verzehrt, auch gut ist. Nur wer verschiedene Weine und die in ausreichenden Mengen trinkt, kann gute von mittelmäßigen Tropfen unterscheiden. Nach einem guten Essen sollte niemand mehr in der Lage sein, Auto zu fahren. Wer sich trotzdem ans Steuer setzt, ist entweder lebensmüde oder hat sich vorsätzlich dem kulinarischen Rausch entzogen.

Leider sind die ausgezeichneten Restaurants in Deutschland und Frankreich, in Belgien und Österreich, in der Schweiz und überhaupt überall auf der Welt (wo gut gegessen wird) nur selten mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Es müssen also Autofahrt und Übernachtung organisiert werden. Besonders abgeschieden ist zum Beispiel das Sonnora von Helmut Thieltges. Oder wer weiß, wo Dreis liegt? Bei Wittlich. Nie gehört? Sind beides keine Metropolen. Was einen führerscheinlosen Vielfraß nicht davon abhält, auch dorthin mit Bus, Bahn und Taxi zu fahren. Meine Frau hat mich, als ich ihr die Verbindungen ausdruckte, für verrückt erklärt, zumal sie damals noch Vegetarierin war. Aber Liebe ist, den Mann auch ins etwas dröge Eifelland zu begleiten, damit der sich dort den Bauch vollschlagen kann.

Mein Menü war übrigens vorzüglich, ihres war nicht der Rede wert. Noch heute regt sie sich über die mit Olivenöl beträufelten Champignonscheiben auf, die ihr in dem Dreisternehaus serviert wurden. Ende der neunziger Jahre wurden Vegetarier in vielen Spitzenlokalen noch so behandelt wie Tretrollerfahrer im Autohaus: mit despektierlichem Unverständnis.

Mittlerweile können gute Köche originelle Gerichte auch ohne Fisch und Fleisch zubereiten. Der führerscheinlose Restaurantliebhaber scheint aber weiterhin ein unbekanntes Wesen zu sein. Dabei ist die Symbiose von Auto und Gastro durchaus kein Naturgesetz, wie schon der bedeutende Eßschriftsteller A. J. Liebling seinerzeit festgestellt hat: »In den zwanziger und dreißiger Jahren stieg der Anteil der französischen Restaurants an, die sich auberge oder relais nannten – Schritt haltend mit der zunehmenden Motorisierung des französischen Schlundes. Die Existenz dieser Lokale hing ab von Sonntagsfahrern und Urlaubsreisenden, die vielleicht niemals mehr dieselbe Landstraße entlangkommen mochten. Ominöserweise wurde der Guide Michelin, das Organ eines Herstellers von Autoreifen, zum Geschmacksrichter für die Restaurants – ein deprimierendes Beispiel, wie die Kunst sich dem Geschäft unterordnete.«

Und heute? Noch immer freut sich ein führerscheinloser Gourmand auf einen Freßführer, der endlich jene Restaurants mit grünem Wimpel (oder einer Schnecke) würdigt, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen sind. Mit dieser Änderung in der äußerst konservativen Publikation würde eine neue gastronomische Epoche beginnen, in der alsbald nur noch das Reifenmännchen auf dem Bucheinband an die automobile Vergangenheit der mitteleuropäischen Restaurantkultur erinnert.

Köche werden sich in Zukunft dreimal überlegen, ob sie in Käffern wie Dreis, Perl oder Langen ein Restaurant betreiben. Sollten sie trotzdem in der Provinz bleiben wollen (wofür es durchaus Gründe gibt), werden sie sich nicht nur um die Parkplätze vor der Tür, sondern auch um einen ordentlichen Shuttle-Service kümmern müssen. Schon jetzt deutet sich der Wandel an: Wer in alten Michelin-Ausgaben blättert, wird feststellen, daß die guten Gasthäuser auf dem Lande seit Jahren immer seltener werden und die Zahl der städtischen Sternelokale kontinuierlich steigt. Meinem Magen kommt diese Entwicklung sehr entgegen. Selbst in der Autostadt Stuttgart braucht niemand einen eigenen Wagen, um sich gut zu ernähren. Sternekoch Vincent Klink empfiehlt den Gästen seiner Wielandshöhe die Anreise mit der Zahnradbahn: »Ganz Schlaue fahren mit der Zacke. Welches Gasthaus hat schon eine Zugverbindung? Ab Hauptbahnhof mit der Linie 14 Richtung Heslach, dann am Marienplatz aussteigen. Man geht wieder ans Tageslicht und sieht sie schon, die Zahnradbahn.« Einsteigen und bei der Haltestelle Wielandshöhe aussteigen. Der Blick ins Tal hinab ist großartig, das Essen noch viel besser.

Erstaunlicherweise ist nicht nur Michelin auf die Autokrise gut vorbereitet. Während die Franzosen ihren Umsatz notfalls mit Kulinarik machen können, wird der italienische Reifenhersteller Pirelli seine Pin-up-Kompetenz ausbauen. Seit 1964 veröffentlicht die Firma den heißbegehrten Kalender mit nackten Schönheiten. Was die vorzüglich fotografierten Rundungen berühmter Frauen mit Autoreifen zu tun haben? Nichts. Warum auch? Das Kalenderkonzept ist genial. Lediglich 40000 Exemplare werden von einem Pirelli-Jahrgang gedruckt und nur an ausgewählte Kunden verteilt. Der Pirelli-Kalender ist ein exklusives Werbegeschenk. Die Namen der Leute, die eins zugeschickt bekommen, hütet die Firma Pirelli genauso wie die Zusammensetzung ihrer Reifen. Wer nicht auf der Liste steht, kann sich auf dem Schwarzmarkt umschauen, muß aber horrende Preise fürs Original bezahlen. Nachdrucke oder die Kopien im Netz sind deutlich preiswerter.

Wie Pirelli es schafft, Jahr für Jahr renommierte Fotografen und angesagte Models zu verpflichten, beeindruckt die gesamte Kalenderindustrie. Denn der klassische Jahresweiser zum Abreißen ist im digitalen Zeitalter aus der Mode gekommen. Großformative Künstlerkalender, Literaturkalender, Tierkalender oder Gartenkalender wirken spießig und taugen nicht einmal mehr als Weihnachtsgeschenk für Oma und Opa. Aber wer seinem besten Freund einen Pirelli-Kalender zur Hochzeit schenkt, kann so gut wie nichts falsch machen.

Dieses Objekt der Begierde hat seinen Glamour bewahrt, und das wissen auch die Damen, die sich ablichten lassen: Heidi Klum, Naomi Campbell oder auch Sophia Loren. Mit 72 Jahren hat sich die Loren noch einmal für die Pirelli-Fotografen ausgezogen, und die Bilder sind weder schlüpfrig noch peinlich, sondern phänomenal. Sie zeigen eine Frau, die Schönheit im Alter darzustellen weiß. Kein Wunder, daß selbst der große Marcello Mastroianni in Robert Altmanns Film »Prêt-à-Porter« wie ein Hündchen bellen mußte, als er mit der auch damals nicht mehr jungen Loren im Bett lag. Als hingegen der Playboy die geschmackssichere Diva um ein Foto-Shooting bat, hat sie selbstverständlich abgesagt.

Wer sich den Kalender des italienischen Reifenherstellers aufhängt, macht das nicht, weil er sich informieren will, ob Weihnachten auf ein Wochenende fällt oder ob der eigene Geburtstag endlich mal wieder an einem Sonntag gefeiert werden kann. Es soll vorkommen, daß sich stolze Besitzer eines Pirelli-Kalenders noch im November am Aprilfoto erfreuen und möglicherweise auf die Frage, welcher Monat gerade begonnen habe, allen Ernstes »Kate Moss« antworten. Die Pirelli-Aufnahmen, sagen die Fans, erzeugen Frühlingsgefühle auch im Herbst.

Selbst wenn man kein Fan ist, kann man den Kalendern eine gewisse Skurrilität nicht absprechen. Die aktuelle Ausgabe ist von Peter Beard fotografiert. Zu sehen sind die Models Rianne ten Haken und Lara Stone. Sie räkeln sich entspannt in der ach so friedlich-schönen Steppe Afrikas oder schauen verschreckt in die Kamera, während hinter ihnen Elefanten durch einen Fluß waten. Man fragt sich, wer hier auf Droge ist: die Damen, der Mann am Auslöser oder die Dickhäuter?

Die Frage ist, ob die Popularität des Pirelli-Kalenders vom exklusiven Verteilsystem abhängt oder ob die Kundschaft auch dreißig oder fünfzig Euro für den Kalender ausgeben würde. Doch weil das Geschäft mit den Reifen auch in Italien nicht so gut läuft, wird Pirelli über den Verkauf des ruhmreichen Werbegeschenkes ernsthaft nachdenken müssen. Ein Alleinstellungsmerkmal hat der Kalender auf jeden Fall, unterscheiden sich die Bilder doch wesentlich von der ordinären Nacktheit, die man sonst im Internet zu sehen bekommt.

Als die Aufnahmen zum ersten Pirelli-Kalender gemacht wurden, zeigten die Damen übrigens definitiv mehr Haut. Damals war die Zielgruppe noch der Mechaniker in der Autowerkstatt. Heute sind die Models oft in schöne Stoffe oder merkwürdige Phantasiekostüme gehüllt. Der Pirelli-Kalender soll auch in der Vorstandsetage (eines Reifenherstellers) aufgehängt werden können und nicht von wichtigen Geschäften ablenken. Wie ist das überhaupt beim Autozulieferer Schaeffler? Hängen in den Managerbüros Pirelli-Fotos an der Wand? Das würde so einiges erklären...

Carsten Otte

Erstveröffentlichung: Junge Welt vom 11. Juli 2009