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Als habe sie es geahnt

 

Von Carsten Otte

 

Margarete Lamprecht bestand darauf, mich vom Bahnhof abzuholen. »Das gehört zum Service«, sagte sie. Ihr herzhaftes Lachen übertönte meinen Vorschlag, im Taxi zu der Wohnung zu fahren, die sie mir zeigen wollte. Wieder begann sie, von den geräumigen Zimmern und dem Ausblick auf den Marktplatz zu schwärmen, den netten Nachbarn und guten Einkaufsmöglichkeiten in unmittelbarer Nähe … am liebsten hätte ich sie unterbrochen, aber ich wollte nicht unhöflich sein. Also hörte ich nicht länger zu, was sie sagte, achtete nur noch auf den Klang ihrer schrillen, seltsam alterslosen Stimme. Sie konnte fünfundreißig, aber auch zwanzig Jahre älter sein. Am Telefon war das schwer auszumachen. »Herr Reinke?« sprach sie mich nach einer Weile wieder direkt an, worauf ich noch einmal die Ankunftszeit meines Zuges wiederholte. »Ja, ja, das weiß ich bereits«, entgegnete Frau Lamprecht. »Ich habe Sie doch gerade gefragt, wie Sie auf mich aufmerksam geworden sind.« Sie lachte wieder, und zwar so ausgiebig, daß ich nicht sicher war, ob sie noch eine Antwort erwartete. Als ihr Lachen langsam leiser wurde, wie ein Popsong, der zum Ende ausgeblendet wird, erwähnte ich die Anzeige von Lamprecht Immobilien im Abendblatt. Ich sagte, die Anzeige sei mir sofort aufgefallen. »Ach, wirklich?«, fiel sie mir ins Wort. »Wahrscheinlich, weil meine Vermittlungsprovision niedriger ist als bei der Konkurrenz?« Ich hörte, wie schwer sie atmete. »Ja«, gab ich zu, »eine Kaltmiete weniger ist ein gutes Argument.« Nun schwieg sie. Ich genoß die Gesprächspause und blickte noch einmal auf die ausgerissenene Annonce, die auf meinem Schreibtisch lag. Über die Höhe der Provision hatte ich mir bislang keine Gedanken gemacht. »Dann bis Donnerstag«, sagte sie.

Der Zug hatte eine halbe Stunde Verspätung, was ich Frau Lamprecht in einer SMS mitteilte. Ihre Antwort kam prompt. Vielen Dank für die Info, ich freue mich auf unser erstes Treffen. Es kam mir vor, als fahre ich zur Verabredung mit einer Frau, die ich über eine Partnerbörse kennengelernt hatte, zumal Frau Lamprecht eine SMS nachschob, in der sie fragte, woran sie mich erkennen könne. Sie schrieb: Ich will ja nicht an Ihnen vorbeilaufen. »Fragt sich nur, wer an wem vorbeiläuft«, sagte ich in Richtung Handy und stellte mir eine Frau vor, die ihre Haut mit Schminke zugekleistert hatte, weil sie annahm, sie könne damit irgend etwas erreichen. Diese Frau war nicht dick, aber sie trug einen Mantel, der ihr zu groß war, ein Mantel der verbergen sollte, was nur sie kannte. Diese Frau kam gerade vom Friseur. Ihre Dauerwelle war perfekt. Zu perfekt. Irgendwie spießig. Ich roch ihr Lavendelparfum, ja, Margarete Lamprecht mußte nach Lavendel riechen, das stand fest. Ich bekam eine Gänsehaut und wunderte mich, wie stark meine Abscheu vor einer Frau war, die ich noch nie gesehen hatte.

Wieder hatte ich eine SMS empfangen. Wieder war es Frau Lamprecht. Ob ich einen Schnappschuß aus der Bahn schicken wolle. Sie haben doch ein Fotohandy? fragte sie, aber ich gab keine Antwort. Was war das bloß für eine aufdringliche Person? Womöglich betrieb sie ihr Immobiliengeschäft, weil sie auf der Suche nach einem Mann war. Ich erinnerte mich an meine eigenen vergeblichen Versuche, übers Internet eine Frau kennenzulernen: Die ersten Treffen waren immer auch die letzten. Kuschelhase29, die sich als Silke Meier vorstellte, hatte nichts mit dem retuchierten Foto zu tun, das sie ins Netz gestellt hatte. Mit Doppekinn und Boxernase sah sie jedenfalls nicht mehr wie ein Kuschelhase aus. Auch Petra Neumann, die sich unter dem Pseudonym ShivaMoon umwerben ließ, war nicht mein Fall. Sie schlug mir während der ersten Verabredung gleich einen Drogentrip nach Goa vor … um sich besser kennenzulernen. – Und nun Frau Lamprecht? Ich überlegte, ob ich den Termin platzen lassen sollte. Selbstverständlich bekäme ich auch auf anderem Wege eine Wohnung. Zur Not würde ich die ersten Wochen im Hotel übernachten. Als habe sie es geahnt, was mir durch den Kopf ging, meldete sich Frau Lamprecht erneut. Sehr geehrter Herr Reinke, verzeihen Sie die kindische Idee mit dem Foto. Wir werden uns schon nicht verfehlen. Gruß, Lamprecht. Zum ersten Mal hatte sie eine SMS mit förmlicher Anrede und einer Grußzeile geschrieben.

Der Zug hielt an, ohne daß ein Grund dafür erkennbar war, und ich gab Frau Lamprecht durch, daß mein Handy keine Fotofunktion besaß und ich einen braunen Cordanzug trug. Kaum hatte ich die SMS abgesetzt, fuhr der Zug wieder los. Noch einmal las ich Lamprechts letzte Nachricht und wunderte mich, wie kindisch auch ich reagiert hatte. Warum nahm ich bloß an, daß die Maklerin etwas anderes plante, als mir eine Wohnung zu vermitteln? Nur weil sie freundlich war, etwas überschwenglich vielleicht, hieß das doch noch lange nicht, daß sie es auf mich abgesehen hatte. Und selbst wenn? Ein Mietvertrag war ja kein Ehegelöbnis. 

Der Zug holte die Verspätung nicht wieder auf, eine halbe Stunde zu spät kam ich an, und auf dem Bahnsteig sah ich keine Frau, die Margarete Lamprecht hätte sein können. Ich ging in die Eingangshalle, drehte mich nach links, nach rechts. War es die Dame dort drüben? Nein, die war über siebzig. So alt konnte die Lamprecht auch wieder nicht sein. Ich zog mein Handy hervor. Keine Nachricht. Sollte ich sie anrufen? Ich ging noch einmal zurück zum Gleis und ärgerte mich. Ich hatte ihr die Verspätung doch durchgegeben! Der Zug war inzwischen abgefahren. Ratlos stand ich im Wind. Wieder griff ich zum Handy. Immer noch keine Nachricht von Frau Lamprecht. War ich am falschen Ort? War ihr etwas zugestoßen? Ich kehrte zurück in die Bahnhofshalle und wählte ihre Nummer. Es war besetzt, die Mobilbox meldete sich. Sie spricht mit einem anderen Kunden, dachte ich, und die Vorstellung, Frau Lamprecht sei eine viel beschäftigte Frau, beruhigte mich. Dann hörte ich ihre Stimme neben mir: »Ich nehme an, Sie sind Herr Reinke.« Es dauerte eine Weile, bis ich antwortete: »Ja, stimmt. Und Sie sind Frau Lamprecht?« Die Gegenfrage war dämlich, wer sonst sollte mich hier ansprechen, aber ich brauchte eine Zeitlang, um die bekannte Stimme mit der Frau zusammenzubringen, die vor mir stand. Meine Verunsicherung war mir wohl anzumerken. »Sie sehen aus, als hätten Sie ein Ungeheuer erwartet«, sagte sie. Ich schüttelte den Kopf, merkte aber, daß die Bewegungen viel zu heftig waren, um zu überzeugen. Wir verließen den Bahnhof.

»Die Parkplatzsuche hat leider etwas länger gedauert. Ich parke dort drüben im Halteverbot«, unterbrach sie das Schweigen und deutete auf einen dunkelgrünen Zweisitzer. »Was treibt Sie denn in unser beschauliches Städtchen?« fragte sie und entsperrte die Zentralverriegelung des Wagens. Bevor ich antworten konnte, stieg sie ein. Mir blieben wenige Sekunden, um mich über meine fehlende Menschenkenntnis und darüber zu ärgern, wie stark ich auf Äußerlichkeiten reagierte. Jener Margarete Lamprecht, die ich mir ausgemalt hatte, hätte ich bestimmt nichts über meine Umzugsgründe erzählt, diese Frau aber, die neben mir im tiefergelegten Coupé saß, wollte ich sehr gerne über meinen neuen Job berichten. »Ach, Sie sind Rechtsanwalt«, sagte sie. »Wo haben Sie denn studiert?« Jetzt freute ich mich über ihre Neugierde, empfand die Frage als Kompliment. Ich hoffte, daß sie mir nicht ansah, wie peinlich es mir war, was ich noch vor einer halben Stunde über sie gedacht hatte. Sie lächelte. Daß ich zu ihr rüberstarrte, als sei sie die erste Frau am Steuer, die ich in meinem Leben gesehen hatte, schien sie offenbar zu amüsieren. Sie wußte, wie gut sie aussah. Natürlich wußte sie das. Sie sagte nichts. Sie wollte angestarrt werden. Ich fragte mich, wie Margarete Lamprecht sich selbst beschreiben würde, wenn sie im Internet auf Partnersuche ginge. Das tat sie bestimmt nicht, das hatte sie nicht nötig. Vielleicht fielen mir deshalb keine passenden Formulierungen ein. »Wir sind da«, sagte sie und bugsierte das Auto in eine, wie ich fand, ziemlich schmale Parklücke.

Dann ging alles ganz schnell. Sie zeigte mir die Wohnung, ich stellte fest, daß die Fotos, die sie mir gemailt hatte, genau dem entsprachen, was ich zu sehen bekam. Hohe Decken, obwohl im Dachgeschoß. Sehr ruhig, obwohl am Marktplatz. Vier Räume, überall Stäbchenparkett. Das Badezimmer war unlängst renoviert worden, und die Einbauküche sah aus, als habe sie jemand eingerichtet, der vom Kochen, zumindest aber etwas von Küchen verstand. Gasherd, Elektrobackofen und eine große Doppelspüle. »Hier im Schrank ist noch eine Mikrowelle«, sagte sie und gab zu, nicht kochen zu können. Ihre Stimme war nun weicher, und ich verspürte den Wunsch, sie spontan zum Essen einzuladen, hielt ich mich aber zurück. Wortlos verließ ich die Küche und stand im größten Raum der Wohnung. »Vier Zimmer«, sagte sie, »wollen erst mal bespielt werden.« Sie fragte, ob ich mit Frau und Kind in die Wohnung einzöge. Der Nachklang ihrer Frage verfolgte mich durch die leeren Räume bis ins Bad. Ich unterbrach das dumpfe Echo, das wahrscheinlich nur ich hörte, mit der Bemerkung, die Granitkacheln seien sehr schön. »Freut mich, daß sie Ihnen gefallen«, erwiderte sie. »Ich habe die Mietverträge schon vorbereitet. Wollen wir zu mir ins Büro gehen? Ist um die Ecke.« Ich gab ihr zu verstehen, daß ich den Vertrag in aller Ruhe prüfen und ihr spätestens Ende der Woche Bescheid geben wolle, und während ich das sagte, bereute ich es auch schon. »Gerne«, entgegnete sie, und mir fiel auf, wie schwer es ihr nun fiel, freundlich zu bleiben. Ich mied jeden Blickkontakt. Beim Chatten, dachte ich, stelle ich mich nicht ganz so ungeschickt an. Warum war ich nicht in der Lage, etwas Nettes zu sagen? Lag es daran, daß sie vor mir stand? Daß mir diese Nähe unangenehm war? Schweigend gingen wir zum Aufzug. »In zehn Minuten fährt ein Regionalexpress«, sagte ich nach einer Weile. Sie reagierte nicht, blickte aufs Display ihres Handys. Ich sah, wie sie eine Nachricht eingab. Wobei ich nicht erkennen konnte, was sie schrieb. Als der Aufzug im Erdgeschoß ankam, bekam ich eine SMS, die ich ignorierte. Margarete Lamprecht schien wiederum mich zu ignorieren und telefonierte. Mein Handy machte sich wieder bemerkbar. Ein Anruf! Ich nahm ab, ohne zu schauen, ob ich die Nummer kannte, und meldete mich mit meinem Namen. »Hier ist Margarete Lamprecht,« sagte sie. »Ich habe Ihnen gerade eine SMS geschickt.« Mit kurzer Verzögerung hörte ich diesen Satz noch einmal übers Handy. Ich legte auf. Zögerte. Traute mich nicht, sie anzuschauen. Las ihre Nachricht. Ich würde Sie gerne auf einen Kaffee einladen. Haben Sie Lust? Ich lachte. Sie lachte. Wir gingen weiter.

 

Produktion: flamme rouge gmbh // © Carsten Otte