Paradies war gestern

Über Kurstädte, Kurstadtromane und die Sehnsucht nach Vergangenheit

Zwanzig Jahre habe ich in Bonn-Bad Godesberg gelebt, und als ich die Kurstadt am Rhein, die auch damals keine richtige Kurstadt mehr war, Anfang der neunziger Jahre in Richtung Berlin verließ, stand für mich fest, daß ich niemals mehr in einem Ort mit Kurpark, Trinkpavillon und greisen Kurgästen leben wollte. Es kam alles ganz anders. Heute lebe ich in Baden-Baden, dieser schönsten, dieser traurigsten aller deutschen Kurstädte, und auch das reicht mir nicht. Wenn es eine Gelegenheit gibt, besuche ich eines der vielen Heilbäder im Lande. Die Thermen und Parkanlagen, die großen Hotels und feudalen Casinos in Bad Homburg oder Bad Nauheim, in Bad Wildbad oder Wiesbaden kenne ich gut. Hier wird auch ein Daueroptimist melancholisch, hier läßt sich die Vergangenheit leicht beschwören, weil abgesehen von der Architektur nur wenig erhalten ist vom alten Kurstadtleben; viele Gemeinden, die den Titel der Bade-Stadt noch führen, können froh sein, wenn ihr Heilbrunnen noch von einem Mineralwassermulti betrieben wird.

Andere Kurorte haben im touristischen Konkurrenzkampf überlebt, haben imposante Wellness-Tempel gebaut und veranstalten Sommerfestspiele in den renovierten und meist vollständig entkernten Bauten der Belle Époque. Die Wucht der prächtigen Fassaden beeindruckt die fotografierenden Kurzurlauber und Festspielbesucher, denen das Ambiente wichtiger ist als die Musik und die Bühnenkunst. Auch mich berührt die seltsame Kulissenwelt. Sie erzählt von den, wie Hermann Hesse in seinem Erfahrungsbericht "Kurgast" so treffend formuliert, sanften Illusionen , die in den Kurstädten schon vor über hundert Jahren gepflegt worden sind und die sich bis heute erhalten haben. Schon im neunzehnten Jahrhundert waren die Kurorte vor allem eines: Kulisse für die Inszenierung eines vornehmen Lebens fernab der sozialen und politischen Krisen, wobei der Kurgast auch damals den angeblich besseren Zeiten hinterhertrauerte. Der Frieden in der Kurstadtwelt wurde allerdings immerfort gestört. In Baden-Baden auf ganz besonders drastische Weise. Durch Terror: Auf Kaiser Wilhelm I. wurde in der berühmten Lichtentaler Allee ein Attentat verübt. Durch Wirtschaftskrisen: 1930 verzeichneten die Statistiker die höchste Pro-Kopf-Verschuldung in ganz Deutschland. Durch Skandale: Ein Sparkassenangestellter verzockte unlängst die Millionen der Bank im berühmten Casino.

Was auch immer in einer renommierten Kurstadt geschieht, das Renomee leidet nicht. Im Gegenteil. Baden-Baden braucht die Aufmerksamkeit der Klatschpresse wie der Kurgast die Frischzellentherapie. Berühmte Leute ziehen immer wieder an die Oos, Millionäre kaufen sich eine Villa in bevorzugter Wohnlage (die passenderweise Millionenhügel genannt wird). Die Künstler kommen, um im Kurstadtmuseum auszustellen. Die Schriftsteller kommen, um Stadtschreiber zu werden. Die Ganoven kommen, weil sich das Verbrechen in der Kurstadt angeblich noch lohnt. Und wenn es nur der Wetteinsatz im einzig manipulierten Pferderennen ist. Selbst die Einzelhändler kommen, eröffnen ständig neue Boutiquen. Und schließen sie auch bald schon wieder, weil es dem Einzelhandel in Baden-Baden nicht viel besser ergeht als anderswo.

Auch das ist so wundersam unwirklich in einer Kleinstadt, die eine Kurstadt ist: Selten kommt der Ort zur Ruhe, immer ist etwas los. Das Jahr ist aufgeteilt in die unterschiedlichen Saisons. Die Rennsaison, die Festspielsaison, die Rosensaison. Dabei besteht der Reiz einer Saison in der Wiederholung des Bekannten. Die Namen der Pferde ändern sich wohl, das Dirigat der Wagner-Opern ist mal besser, mal schlechter (die Bühnenbilder ähneln sich in letzter Zeit doch sehr), und mit etwas Phantasie kann auch der Blumen-Laie nachvollziehen, warum bei der Internationalen Schau der Rosenneuheiten ausgerechnet Shocking Blue oder Mauve Melodee die Preisrichter überzeugt hat. Die Saisons geben einem Kurstadtbewohner jenes Gefühl der Sicherheit, das es dort draußen, irgendwo in Köln oder Berlin, nicht mehr zu geben scheint.

Wer auf der Suche nach einer aufregenden Kneipe ist, wer auf ein vielseitiges Kinoprogramm Wert legt, wird sich in einer Kurstadt wie Baden-Baden nicht amüsieren. Schnell hat man die Sehenswürdigkeiten abgeklappert, die einschlägigen Restaurants besucht und sich in der einen Disco mal gelangweilt. Worauf es in einer Kurstadt heute wie damals ankommt, ist der gesellschaftliche Umgang: Dort ein Dinner, hier ein Empfang. Oder das kleine Tanzerlebnis zu später Stunde - in jenem Restaurant mit aufdringlich-ironischem Art-Déco-Interieur, in dem schon Arafat und Clinton zu Abend gegessen haben.

Wer in Baden-Baden anonym bleiben will, sollte nicht vor die Tür treten. Aber wer will das schon? Hier scheint alles in der Öffentlichkeit stattzufinden. Die Männer betrügen ihre Frauen im Kurpark, setzen sich mit der Neuen ins Eiscafé oder vergnügen sich mit einer Dame aus der Villa Ascona (ein Bordell von Weltruf) in einem der Badehäuser. Ich kann mir durchaus vorstellen, daß die Scheidungsrate in Kurstädten wie Baden-Baden höher ist als in Berlin, wo kleine Geheimnisse noch geheim bleiben können. Kein Wunder, daß die Romane, die in Kurstädten spielen, meistens von Liebesleid handeln. Es geht in diesen Büchern meist um das Leid der allzu bürgerlichen Protagonisten, deren Sehnsüchte mit jener moralischen und ästhetischen Ordnung kollidieren: Ford Madox Ford erzählt in seiner "allertraurigsten Geschichte" zum Beispiel die Geschichte zweier Ehepaare, die sich in Bad Nauheim treffen, ein rücksichtsloses Liebesspiel beginnen und die sich zu Grunde richten, weil sie nicht in der Lage sind, sich mit Anstand aus der Affäre zu ziehen. Die traurigen Helden der großen Kurstadtromane würden sich so gerne von ihren inneren und äußeren Zwängen befreien und tun doch alles, um die Lust zur Last zu machen. Fords Roman spielt vor dem Ersten Weltkrieg, gleichwohl ist die Geschichte auf bedrückende Weise aktuell. Weil sich die ökonomischen Verhältnisse weltweit verschärft haben, wird die Kurstadt erneut zum eleganten Rückzugsort für eine Gesellschaft, deren moralische und ästhetische Maßstäbe auch (oder gerade) im Kurstadtparadies Höllenqualen auslösen. Dabei beginnen die Geschichten immer so harmlos, meist vor dem Standesamt ...

Baden-Baden ist eine Hochzeitsstadt. Hier kann sich das Brautpaar in der Kutsche durch den Ort fahren lassen, ohne besonders aufzufallen. Baden-Baden ist eine ideale Sehnsuchtsstadt für all die Liebenden, die das nötige Kleingeld in die Ehe mitbringen und die nach Vertragsunterzeichnung auf dem Standesamt ein großes Fest feiern wollen. Im Parkhotel zum Beispiel oder gleich in den Gasträumen des Kurhauses, direkt neben dem Casino. Immer wieder treffe ich an den Roulette-Tischen frisch Vermählte, die ihr eheliches Glück gleich in der Hochzeitsnacht aufs Spiel setzen.

Carsten Otte