Hier wird nicht auf Blech getrommelt

Der neue Roman von Ralf Rothmann

Von Carsten Otte

Es ist eine erstaunliche Koinzidenz: Wenige Wochen nach dem Tod von Günter Grass greift der neue Roman von Ralf Rothmann das Lebenstrauma des Blechtrommel-Autors auf. Rothmann erzählt in „Im Frühling sterben“ die Geschichte von Walter Urban und Friedrich Caroli, zwei siebzehnjährigen Melkern aus Norddeutschland, die im Februar 1945, also drei Monate vor Kriegsende, von der SS zwangsrekrutiert werden. Walter wird in eine Versorgungseinheit geschickt, Friedrich muss an die Front. An dem sinnlosen Abschlachten aber will der junge Mann, der sich seine Sensibilität im kriegerischen Stumpfsinn bewahrt hat, nicht länger beteiligt sein. Friedrich desertiert, wird verhaftet und an die Wand gestellt. Und ausgerechnet Walter soll auf seinen Freund schießen.

Man soll sich als Kritiker mit Superlativen zurückhalten, aber dieser Roman ist eine Sensation, eine literarische Zäsur und ein politisches Ereignis. Rothmann schafft es, das berührende Drama ganz unprätentiös zu erzählen. Seine Szenen und Bilder sind so eindrücklich, dass man als Leser den Eindruck hat, selbst auf dem Schlachtfeld zu stehen. Der Schriftsteller findet immer die angemessenen Worte für den Horror, für dieses vom Krieg beschädigte Leben. So bleibt der Erzähler auf präzise Weise ‚neutral‘. Pathos gibt es in dem Roman, dessen Stoff zum Kitsch hätte verführen können, in keiner Zeile. Rothmann verkünstelt sich nicht, verzichtet auf literarische Mätzchen, er bleibt ganz nah bei seinen Figuren, und er legt, was den Seitenumfang angeht, einen verhältnismäßig schmalen Roman vor. Er hätte diese Geschichte in guter, alter Blechtrommel-Tradition ausbreiten können, doch die gut 230 Seiten haben mindestens genauso viel literarisches Gewicht: Denn Rothmann stellt die Schuldfrage, ohne zu moralisieren. Wer liest, wie Walter und Friedrich auf einem grässlichen Tanzfest in die SS gedrängt werden, wird den Zeigefinger nicht mehr erheben. Rothmann stellt die Skrupellosigkeit des Systems in den Vordergrund; die unterschiedliche persönliche Verantwortung der Figuren wird dabei keineswegs relativiert.

Dem Roman ist ein autobiographischer Prolog vorangestellt, der folgendermaßen beginnt: „Das Schweigen, das tiefe Verschweigen, besonders wenn es Tote meint, ist letztlich ein Vakuum, das das Leben irgendwann von selbst mit Wahrheit füllt.“ Man könnte ergänzen, dass auch die Literatur dieses Vakuum füllen kann. Günter Grass hat im Grunde keine Antwort darauf geben können oder wollen, warum er die eigene Mitgliedschaft bei der SS dem breiten Publikum jahrzehntelang verschwiegen hatte. Auch Grass war, wie Rothmanns Vater, siebzehn Jahre alt, als die Kriegswirren ihn in die Terrortruppe fortrissen. Auch Rothmanns Vater wollte über das Erlebte nicht sprechen – seine Erinnerungen aber haben ihn bis in den Tod gequält.

Mit dem 1953 geborenen Ralf Rothmann meldet sich eine Generation zu Wort, die von dem Leiden der Väter geprägt wurde, sich aber emanzipieren konnte von den Schuldzusammenhängen der Vergangenheit. Nicht durch mediale Lautsprecherei, sondern durch eine literarische und reflexive Stille. Denn auch darin besteht die verstörende Qualität dieses Romans, dass der Text, der von Kanonendonner und Schusswechseln berichtet, immer wieder Räume der Ruhe öffnet. Hier wird nicht auf Blech getrommelt, hier werden auf sehr feinsinnige Weise viele Fragen gestellt, auf die es keine Antworten zu geben scheint.

Über diesen Roman wird im kommenden Bücherherbst noch häufig gesprochen werden. Wenn es um die Auswahl zum Deutschen Buchpreis geht, gehört „Im Frühling sterben“ mit Sicherheit zum Favoritenkreis. Aber unabhängig von den Preisen, die dieser eindringliche und kluge Roman erhalten wird, wünscht man dem Text vor allem eines: viele Leser. Und zwar aus allen Generationen, in Deutschland und anderswo, denn in kriegerischen Zeiten wie diesen ist die traurige Geschichte von Walter und Friedrich ein starkes, weil zeitloses Fanal gegen den Krieg.

Ralf Rothmann, Im Frühling sterben, Suhrkamp Verlag 2015, 234 S., 19,95 Euro