Ungesunder Osten
Rheinischer Merkur Nr. 39, 23.09.2004
Das Buch zur Ost-West-Debatte der vergangenen Wochen: Der Protagonist des Romans, Raimund W. Kuballa, Sohn eines Edelgastronomen aus Bonn-Bad Godesberg, siedelt in den Osten um. Genauer: nach Schönweide, das von den Ureinwohnern Schweineöde genannt werden darf. Kuballa ist, dank einer Erbschaft, aller materiellen Sorgen enthoben – eine Eigenschaft, die er mit seinen neuen Brüdern und Schwestern nicht teilt. Deshalb hat er Zeit genug, seine Neurosen zu pflegen. Er dilettiert als hochnäsiger Journalist, als Stasi-Spitzel ohne Stasi, als Spitzel-Opfer ohne Täter. Er will nicht unbedingt die Mauer zurück, auch nicht die DDR, aber das, was er für die DDR hält: „Schöneweide verlor endgültig, wie Kuballa meinte, seinen Ostcharakter, und diesen Wandel hätte er am liebsten aufgehalten
Kuballa hielt die Veränderung in Schönweide für eine Strafe der späten Geburt“, registriert der Erzähler. Ohne zu viel vorwegzunehmen: Am Ende seines Abenteuers in der Problemzone ist das Luxusbübchen krank und kriminell. Der Osten, so könnte der Leser lernen, schadet der Gesundheit. Doch zum Glück hat Carsten Otte gar keine Botschaft. Er hat einfach nur gute, komische, politisch-unkorrekte Einfälle und eine in ihrem Schwachsinn starke Hauptfigur. Wer Brussig schon durch hat, findet hier frisches Futter.