Carsten Otte "Schweineöde"
Vorgestellt von Waltraut Worthmann-von Rode
NDR Kultur, Sendetermin: 5. März 2004, ca. 12.45 Uhr
Der Roman "Schweineöde" von Carsten Otte ist eine Parodie auf gefühlsduselige Wenderomane und biedere Erinnerungsgeschichten, ein Amoklauf gegen den nostalgischen deutsch-deutschen Rückblick, der in wachsender Entfernung zu den historischen Ereignissen immer unschärfer wird. Kuballa, der Held des Romans, ist Mitte 20, kehrt von einer Weltreise zurück und hat nicht die geringste Lust, sich daheim in Bonn-Bad Godesberg zu langweilen.
Diese Wohlstandsgesellschaft, gesättigte Bürgerlichkeit, mit nix im Kopf aber viel auf dem Teller des elterlichen Luxusrestaurants. Es dürstet ihn nach Finsternis, nach dem Düsteren und Fremden. Es zieht ihn ins Land, das kurz nach der Wende gerade mal nicht mehr DDR heißt aber die DDR atmet, danach riecht und schmeckt. Carsten Otte hat seinen ersten Roman geschrieben, eine nachdenkliche Groteske, die ironisch den Staub hüben und drüben aufwirbelt.
Warum treibt es diesen renitenten Helden Kuballa nach Ost-Berlin?
Carsten Otte: "Kuballa ist durch die Welt gefahren, er ist ein Abenteurer und das letzte Abenteuer, das er zu entdecken glaubt, ist Schöneweide. Er nennt es Schweineöde, so wie auch die Einheimischen diesen Bezirk in Ostberlin nennen. Und hier glaubt er eben den untergegangenen Osten, die ehemalige DDR wieder zu entdecken, und das ist für ihn sozusagen der ultimative Kick."
Ist es denn so schweineöde in Schöneweide?
"Ja, irgendwie schon. Denn es gibt dort soziale Umbrüche zu erleben, es gibt dort andere Lebensentwürfe. In Schweineöde kann man erkennen, was passiert, wenn eine Geschichte, eine Lebensgeschichte unterbrochen wird, wenn die Geschichte eines Staates unterbrochen wird aber wo man als Individuum trotzdem überleben muss."
Er kommt ja dahin als Wessi. Kommt mit all seinen Vorurteilen aus der Bundesrepublik und gleicht die mit denen der Ost-Berliner ab. Dabei gibt es einen Zusammensturz von Illusionen:
"Kuballa ist eine Figur, wie man sie vielleicht zu kennen glaubt. Der typische konsumistische Wessi. Der kommt dahin, meint überall schon mal alles gelesen zu haben, und er trifft jetzt auf Leute, die gar nicht so in diese Schemata reinpassen. Und deswegen gibt es unglaubliche Kommunikationsstörungen. Die sind zum Teil witzig, die sind zum Teil ernsthaft. Er kommt mit denen erst ganz langsam ins Gespräch, lässt sich auf die ein, und er lässt sich so intensiv darauf ein, dass er in seiner konsumistischen Haltung sozusagen das alles in seinem Leben übersteigern will."
Er nennt das ja auch einen Erlebnisraum. Was reizt ihn daran?
"Kuballa selbst ist, und das ist mir ziemlich wichtig in dem Roman, auf der einen Seite eine reale Figur. Andererseits ist er eine Projektionsfläche für den Leser. Wir wissen, der Wessi ist an sich so konsumistisch. Aber vielleicht ist das eben doch nicht so sehr. Es gibt ja, und das ist interessant, relativ wenig Leute, die dann in den Osten gegangen sind. Die das tatsächlich aufgesogen haben. Die sich damit auseinander gesetzt haben. Insofern ist der Kuballa ein Stück weit auch den anderen Leuten voraus. Was wir als Leser von Kapitel zu Kapitel realisieren ist, dass es nicht Kollektive gibt oder kollektive Biographien, sondern es gibt nur Einzelschicksale. Für mich ist Literatur so etwas wie ein soziales Laboratorium, und deswegen mache ich auch diesen Raum auf: Kuballa als Figur, die man sich durchaus vorstellen kann aber auf der anderen Seite eine Projektionsfläche für all die Klischees, die auch der Leser mitbringt."
Zum Schluss suhlt sich der Held sogar in dem Gefühl ein Stasi-Opfer zu sein. Wird er da so etwas wie ein Stein gewordener DDR-Bürger?
"Ja, das ist der ideologische Witz des Ganzen. Der typische Wessi wird dann zum radikalen Ossi. Zum Jammer-Ossi. Und er überführt damit natürlich sein eigenes Vorurteil aber auf der anderen Seite überführt er auch jene Haltung, der man tatsächlich eben dort begegnet."
Was haben Sie mit Kuballa gemein, Herr Otte?
"Ich bin aufgewachsen in Bonn-Bad Godesberg, dem Zentrum der alten Bundesrepublik, und ich habe viereinhalb Jahre in Oberschöneweide gelebt. Ansonsten nichts. Das, was ich dort erlebt habe, ist da mit eingegangen in diesen Roman. Aber deswegen natürlich nicht eins zu eins. Ist ja logisch."