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Carsten Otte: Schweineöde – für HR 2 „MIKADO“

Von Andrea Gerk - Redaktion: Rosemarie Altenhofer

 

Zu den Gründungsmythen des wiedervereinigten Deutschlands gehört die Vorstellung, dass man mit dem Zerfall der politischen Blöcke am Ende des ideologischen Zeitalters angekommen sei. In Wirklichkeit hat dieser Abriss weltanschaulicher Gebäude überhaupt erst Raum geschaffen für Ideologien ganz anderer Bauart. Zu deren harmloseren Varianten gehört eine Art "regional orientierte Identitätssuche", die den Erfolg des Fernsehquoten-Hits "Musikantenstadl" ebenso erklärt wie den des deutschen Kinoschlagers "Good bye Lenin".

Auf dem Buchmarkt hat dieses ,Heimweh-nach-sich-selbst' verkaufsträchtigen Ausdruck gefunden in den launigen Bekenntnis-Schreiben selbsternannter Generationsvertreter: ob die nun im Golf oder in der Zone großgeworden sind kann dabei vernachlässigt werden, schließlich unterscheiden sich die jeweiligen Protagonisten lediglich durch die zahllosen Produktnamen, die ihre ansonsten austauschbaren Lebensläufe zieren. Darüber hinaus sind "Generation Golf" und "Zonenkinder" gleichermaßen schweineöde. Was man von Carsten Ottes Debütroman beim besten Willen nicht behaupten kann. Dabei scheint die Geschichte, die hier erzählt wird, sämtliche Zutaten zu vereinen, um ihrem Titel alle Ehre zu machen.

 

SPRECHER:

"Kuballas Abenteuer in Oberschöneweide begann am dritten April einundneunzig. Er war soeben von einer ausgedehnten Asienreise nach Deutschland zurückgekehrt. Statt direkt nach Bonn zu seinen Eltern zu fliegen, hatte er sich für einen Zwischenstopp in Berlin entschieden. Fast drei Monate war er durch Kambodscha, Vietnam und Laos gereist, und als er in einem Berliner Hotelbett lag, dachte er darüber nach, warum ihn diese Reise eigentlich gelangweilt hatte. Er kam zu keinem Ergebnis.

Kuballa blätterte in einem Stadtmagazin und stieß auf das schlichte Inserat des Maklers Manfred Wesemüller. "Leben im Osten", hieß es in der Anzeige, "Einraum, Zweiraum, Dreiraum - der wahre Wohnungstraum." Von diesem Text, von diesem, wie Kuballa meinte, sakralen Werbegedicht angetrieben, machte er sich am nächsten Tag auf den Weg in Wesemüllers Büro."

 

 

Buchstäblich aus dem Nichts heraus, entschließt sich Kuballa - dieser Prototyp des jungen, versnobten Wessis - das Glück nicht mehr in der weiten Welt zu suchen, sondern hinter der sprichwörtlichen nächsten Ecke - und die liegt in seinem Fall eben in Oberschöneweide. Hier verliebt er sich in die ehemalige Thälmann-Pionierin Jana, er befördert seinen Nebenbuhler ins Gefängnis und entdeckt für sich den Event-Charakter des Stasi-Akten-Studiums. Kurz: alles, was für die Einheimischen "Schweineöde" ist - wobei betont werden muß, dass diese Verballhornung auch nur den Ureinwohnern erlaubt ist - verspricht dem gelangweilten Luxus-Wessi den ultimativen Kick: die Ex-DDR als Erlebnispark mit dazugehörigem Personal in direkter Nachbarschaft:

 

SPRECHER:

"Den Opfern ganz nah sein, dachte Kuballa, das tut gut."

 

Was im ersten Moment nach blankem Zynismus klingt, erweist sich schnell als abgründiges Spiel mit den Bildern und Vorstellungen, die man sich ebenso voreilig wie scheinbar unwiderruflich voneinander gemacht hat.

 

SPRECHER:

"In Schöneweide hatten sich zwar die Fronten geändert, die Feindbilder blieben aber bestehen. Die Kolbs beschimpften die konterrevolutionäre Propaganda der bundesrepublikanischen Großbourgeoisie und die Lakaien des internationalen Monopolkapitals. // Ich spreche hier von persönlichen Freiheiten, von der Entfaltung des Individuums gegen alle Parteivorschriften, ich wiederhole die Weltanschauung meiner Eltern, schrecklich. Dabei will ich wissen, wie das mit ihrer Karriere bei der Staatssicherheit gewesen ist. Staatssicherheit?

"Davon haben wir wirklich keine Ahnung", sagten die Kolbs.

Die lügen, dachte Kuballa, wie meine Eltern." (S. 37)

 

Dass aber seine Eltern genauso wie die Nachbarn die Wahrheit sagen und nur seine klischeehaften Vorstellungen nicht stimmen könnten - auf diese Idee kommt Kuballa gar nicht. Schließlich sind seine Projektionen ja auch viel erträglicher, als die quicklebendigen und vom Autor sehr facettenreich gezeichneten Figuren, auf die sie sich beziehen. Die Wendegewinnlerin Jana, ihre kettenrauchende Mutter Ellinor, der arbeitslose Bauarbeiter Akuszewski oder der schwule Ingo sind die eigentlichen Hauptfiguren in dieser bizarren Wende-Satire, die endlich einmal die Verhältnisse gründlich auf den Kopf stellt und individuelle Lebensläufe statt Zonenkindergeschichten erzählt. Und den vermeintlichen Vorführ-Wessi so in seiner "Ostleidenschaft" aufgehen zu lassen, dass er am Ende der eigentliche - und einzige - Jammer-Ossi in Oberschöneweide ist, das ist wirklich ein ebenso garstiger wie genialer Coup:

 

SPRECHER:

"Kuballa hatte sich zu einem mürrischen Eigenbrötler entwickelt. Das Jahr fünfundneunzig war das entscheidende Jahr, sozusagen das Wendejahr in seinem, wie er sagte, Schweineödeabenteuer. Doch nicht nur Kuballa hatte sich verändert, sondern auch seine Umgebung. Schöneweide verlor endgültig, wie Kuballa meinte, seinen Ostcharakter, und diesen Wandel hätte er am liebsten aufgehalten. Ich bin doch nach Schweineöde gekommen, sagte er sich, um den Osten zu erleben und nicht die vom Westen finanzierte Umgestaltung."

 

Um den Osten nicht untergehen zu lassen, wird Kuballa schließlich zum Super-Spitzel, der seine Nachbarn überwacht und ihnen das Leben gründlich zur Hölle macht. Wo diese wunderbare Polit-Kriminal-Liebesgeschichte eigentlich endet, das darf hier natürlich nicht verraten werden. Nur soviel noch: abgründiger und amüsanter ist das deutsch-deutsche Zusammenwachsen noch nicht beschrieben worden als in diesem Roman, der alle Ost-West Klischees zum tanzen bringt. Und mehr kann man sich fürs deutsch-deutsche Verhältnis doch eigentlich nicht wünschen.

Produktion: flamme rouge gmbh // © Carsten Otte