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Ach, wer da mitspitzeln dürfte

Andreas Rosenfelder, FAZ

 

Im naßkalten Begriff der Staatssicherheit klingt wenig mit von jenem eisgekühlten Glamour, den handelsübliche Kolportageromane servieren. Der Überwachungsapparat der DDR eignet sich nicht zur Auratisierung, und die Stasi-Akte findet wohl nie ihren Weg in die Reliquienschreine des wehmütigen Angedenkens. Wenn der 1972 geborene Journalist Carsten Otte nun den Helden seines Debütromans "Schweineöde" - ganz wie sein Autor in Bonn aufgewachsen - an "Staatssicherheitssehnsucht" leiden läßt, führt er einen ganz neuen Aspekt in die inner-deutsche Neiddebatte ein: Wer aus der behüteten Welt des von Staatssekretären bevölkerten Bad Godesberg stammt, der mag sich wirklich nach der Überwachung seiner unscheinbaren Existenz durch Stasispitzel verzehren.

     Mit "Schweineöde" legt Otte in der Tat einen Kolportageroman vor, voll von Spionage und Geheimniskrämerei. Allerdings ist der jugendliche Protagonist - dem elterlichen Nobelrestaurant kehrt er im Nachwendejahr 1991 den Rücken, um in den kaputten Kulissen des Ostens seine heile Welt zu suchen - bloß auf Gespensterjagd. Denn Raimund W. Kuballa huldigt einer morbiden Ostalgie mit den zynischen Waffen der Westens. Mit Anfang Zwanzig zieht der planlose Millionenerbe in den heruntergekommenen Berliner Vorort Oberschöneweide alias "Schweineöde". Als Parasit nistet sich dieser neoromantische Taugenichts in einer baufälligen Altbauwohnung ein, um aus der "Geisterwelt" der ehemaligen DDR neue Lebensgeister zu ziehen: "In den häßlichen Osten wollte Kuballa, und die Gegenwart interessierte ihn viel weniger als die Vergangenheit."

     Kein Wunder, daß der Jäger des verlorenen Klischees ausgerechnet bei der Rückkehr von einem Urlaub in Vietnam in Oberschöneweide hängenbleibt. Die im Romanverlauf unerreicht starke Eingangspassage, die das Ende der Handlung im Jahr 1999 vorwegnimmt und den in seiner Wohnung verschanzten Helden vorführt, wirkt mit ihrer Schwüle, den Moskitos und dem stechenden Aroma von Gin und Knoblauch wie eine Halluzination aus fernöstlichen Dschungeln. Am Ende seiner Expedition ins Inland scheint Kuballa einem binnendeutschen Tropenfieber zum Opfer gefallen zu sein - nur hat ihn nicht der Ruf der Wildnis, sondern der Traum von einem sozialen Ödland in dieses Herz der Finsternis geführt.

     Tatsächlich erzählt "Schweineöde" die Geschichte eines auf Verfall gepolten Felix Krulls. Als skrupelloser Integrationskünstler biedert er sich den seltsamen Kolbs von nebenan als verlorener Sohn an, sobald er in ihrer Aufdringlichkeit das Geheimnis des Geheimdienstes wittert. Auch mit dem schwulen Postbeamten Ingo, einst Opfer der Staatssicherheit, schließt er eine strategische Freundschaft. In jedem Bewohner von Oberschöneweide sieht Kuballa einen Inoffiziellen Mitarbeiter für sein Phantasieprojekt. Selbst die ehemalige Pionierin Jana, seine halbherzige Liebschaft, dient eher als Quelle von Informationen denn als Zielobjekt seiner Wünsche.

     Mitunter wirkt der Erzählstil von "Schweineöde", als habe sich Otte am unmotivierten Kontrollwahn seiner Hauptfigur angesteckt - obwohl er die distanzierende Er-Form wählt. Denn der Autor überwacht seinen Helden mit einer Genauigkeit, deren Nutzen nicht immer einleuchtet. Beim Spionieren fällt halt reichlich unverwertbares Material ab - zum Beispiel, wenn Kuballa am Fahrkartenautomaten "das Einmarkstück in die linke und das Fünfzigpfennigstück in die rechte Manteltasche legt". Auch das stets mitlaufende Geheimprotokoll der Gedanken Kuballas verdoppelt oft nur das Offensichtliche. "Der hat es eilig", kombiniert der Protagonist etwa aus dem zuvor berichteten Blick seines Gegenübers auf die Uhr. Als narrative Kommandozentrale leistet der betriebsame Kopf dieses Romanhelden keine guten Dienste.

     Dabei legt Otte den Protagonisten als menschenfeindliches Ekelpaket durchaus überzeugend an. Von Schopenhauer könnte die Freude über jene Pleitewelle stammen, die auch dem lärmenden Sägebetrieb im Nachbarblock das Handwerk legt. Kuballa kundschaftet sein Umfeld - vom stillgelegten Kabelwerk Oberspree bis zum neueröffneten Callcenter - mit der Neugier des Hobbyreporters und dem Ehrgeiz des Nestbeschmutzers aus. In seinem in einem fiktiven Lokalblatt veröffentlichten Enthüllungsartikel über Oberschöneweide scheint freilich hinter der aufgesetzten Maske der kalten Beobachtung die moralische Entrüstung über die Verelendung des Stadtteils durch. Letztlich ist "Schweineöde", bei aller gezielten Provokation, eher ein Roman des erhobenen Zeigefingers als einer des durchgestreckten Mittelfingers.

     Natürlich steckt hinter Kuballas Recherchen im Osten ein Masterplan im ganz großen Maßstab. Im Glauben, teilnehmende Beobachtung zu betreiben, manövriert er sich mit seinen Intrigen in die Isolation. Das nervenaufreibende Rollenspiel, bei dem sich Kuballa abwechselnd in Täter und Opfer des untergegangenen Unrechtsstaats einfühlt, mündet in ein zeithistorisches Delirium. Geschichte wird zur angelesenen Krankheit - und der Diebstahl eines Gemäldes aus Erich Mielkes ehemaligem Büro bleibt nicht Kuballas einzige Straftat.

     Als der Roman den Helden am Ende wieder in seiner Wohnung zurückläßt, ein im Netz der eigenen Assoziationen gefangener Spinner, weht beinahe ein Hauch von Tragik durch den im ganzen recht komischen Roman. Doch statt einer Pathosformel - Joseph Conrads "the horror, the horror" wäre eine naheliegende Wendung - kommt Kuballa bloß ein Refrain von Stephan Remmler in den Sinn: "Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei." Man mag diesem Buch, das als Erstlingswerk durchaus von Originalität zeugt, die Verwurstung des deutschen Ostkomplexes vorwerfen. Doch der Ennui des westdeutschen Wohlstandskinds, welches das Gespenst des Staatskommunismus für die private Geisterbahn wiederbelebt, wurzelt wohl eher im rheinischen Karneval.

Produktion: flamme rouge gmbh // © Carsten Otte