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Von einem, der auszog, in Schweineöde zu leben: Groteskes Romandebüt

Frauke Kaberka (dpa), 24.05.2004

 

Frankfurt am Main (dpa) - Wie bekloppt muss man sein, um sich als reicher Wessi unmittelbar nach dem Mauerfall im heruntergekommenen armen Ostberliner Stadtteil Schöneweide niederzulassen? Fast pervers mutet das Verlangen des jungen Raimund Kuballa an, die alte DDR möglichst in Reinkultur zu erleben, in der Platte zu wohnen und die Stasi vielleicht noch in Aktion zu sehen. Geschäftliche Umtriebe sind es jedenfalls nicht, die den verwöhnten Bonner nach Schweineöde - wie Schöneweide von Einheimischen genannt wird - verschlagen. Eher Überdruss der eigenen öden Gesellschaft, des spießigen Umfelds und der Arroganz der Westdeutschen. Schweineöde verspricht den Kick, den sich andere beim Bungee-Springen holen - ein Fall in die Tiefe ist es allemal. Der junge westdeutsche Autor Carsten Otte hat ihn selbst erlebt - in Schweineöde, wie auch sein Erstlingsroman heißt.

     Fast zehn Jahre lebt Kuballa in einer Einraumwohnung mit Ofenheizung. Der Anfang des Romans ist auch das Ende und offenbart in einem Rückblick das ganze Elend des jungen Kerls, der zwar Millionen geerbt hat, aber nicht glücklich ist. Doch so simpel ist die Botschaft des Autoren nicht: Es geht Otte vielmehr um die Suche nach neuen Lebensinhalten, die die durch Überfluss entstandene Leere ausfüllen sollen. Dass sein Protagonist dabei oft fehlgeleitet wird und am Rande des Wahnsinns strandet, macht «Schweineöde» zu einem ebenso einmaligen wie merkwürdigen Stück Literatur. Ein Wenderoman aus ungewohnter Perspektive, der sich deutlich abhebt von den üblichen Erlebnisberichten und Bekenntnissen von Ost- und Westdeutschen, der das Bemühen beider Seite, zueinander zu finden, ehrlich, aber auch grotesk darstellt.

     Carsten Otte, der nicht Kuballa, sondern die Ostdeutschen als Hauptfiguren seines Romans betrachtet, hat Typen geschaffen, die teils realistisch, teils stark überzogen wirken. Vielleicht ist diese zweigeteilte Charakterzeichnung eine Schwäche des Romans. Es ist zwar nicht schwer, die Glaubwürdigen von den Karikierten zu unterscheiden, aber erstere verlieren dadurch an Authentizität. Absicht? Letztendlich ist die ganze Geschichte so absurd, dass dies durchaus der Fall sein könnte.

     Erstaunlich und bewundernswert ist die aufwendige Recherche von Carsten Otte. Auch das Vokabular des Arbeiter- und Bauernstaates hat er voll drauf. Einzig bei Jana, der Thälmannpionierin, hat er sich vertan: Pioniere hatten im Osten durchweg männlich zu sein. Die Ex- DDR - das muss ihm auch jeder Ostdeutsche zugestehen - hat Otte gut kennen gelernt und beschrieben, mit dem Effekt, dass sich beim Lesen nicht nur einmal ein Gruseln einstellt. Bar jeder Nostalgie - bei der Suche und Sucht nach Vergangenheit eine glänzend bewältigte Gratwanderung - hat sein Roman eine Botschaft für Ost und West: Wir haben alle Schrullen und Macken. Lasst sie uns gemeinsam ertragen.

Produktion: flamme rouge gmbh // © Carsten Otte