Tamara: Tod und Auferstehung
Von Jörg Schieke
junge Welt, Literaturbeilage vom 6. Juni 2007
Zwischen den Menschen geht es manchmal unerträglich banal zu. Selbst in den schlimmsten Momenten (wenn wir gekränkt, betrogen, entlassen, gedisst, gebasht, gemobbt oder sonstwie hintergangen worden sind) fallen uns aber dummerweise nur die allergewöhnlichsten und schon hundertmal fremd gegangenen Beschimpfungen ein: „Du Schwein“ oder „Du Arschloch“ vielleicht, „Du Hure“ oder „Du Hurenbock“, etwas von diesem Format, und jede Hassattacke ist so unoriginell und abgestanden wie eine Kerze in der Sommernacht. Und anders herum? Ja, auch die Verliebtheiten, die Szenen, in denen das Glück geschieht, haben ihre Untertitel schon vorher: „ Er malte mit der vom Lippenstift gefärbten Fingerspitze ein kleines Herz auf die Innenfläche ihrer Hand. ´Willst du?` fragte er. Sie wollte antworten, aber ihre Stimme versagte. Er schien sie verstanden zu haben und zog sie langsam zu sich. … Spürte er ihr pochendes Herz? Seine kräftigen Hände, die langsam über ihren Rücken strichen, beruhigten sie ein wenig. Endlich berührten sich ihre Lippen. Er durchwühlte ihre Haare, und sie drückte ihren Körper fester an seinen.“
Der Autor, der die Liebe dennoch und anders und unverbraucht erzählen will, bedient sich also seiner Konstruktionen und Bilder und Fiktionen, er rettet das Leben hinüber in die Kunst, denn das Leben ist so kompliziert wie trivial, so unerklärlich schön wie quälend langweilig.
In seinem zweiten Roman Sanfte Illusionen führt Carsten Otte seinen Ich-Erzähler Arnd Hoppe („Hoppelchen“) als einen früheren Trivial-Autor ein, der nun endlich einmal einen richtigen Roman schreiben möchte. Unter dem Pseudonym „Rebecca Connors“ (Frauen lesen lieber von Frauen Ersonnenes!) hat Hoppe jahrelang Groschenhefte verfasst und ist seines Genres und der Heldin seiner Schmonzetten, Tamara, nun müde geworden. Zugleich aber schwant ihm, dass er selbst die Liebe nur noch so denken kann, wie er sie wieder und wieder geschildert hat: „Neunzehn Jahre mit Tamara hatten mich einsam gemacht. Ich kannte die Wünsche und Ängste … meiner Heldin so gut, daß ich Frauen mit ähnlichem Gefühlsleben grundsätzlich aus dem Weg ging. Leider war meine Tamara so konzipiert, daß mich alle Frauen, die ich kennenlernte, auf die eine oder andere Weise an Tamara erinnerten. Mit einer Ausnahme vielleicht. Isabelle.“
Isabelle allerdings ist mit einem Mann verheiratet, der nicht einschlafen kann, ohne zuvor ein paar Seiten „Tamara“ gelesen zu haben!
Arnd Hoppe sucht der Tamara-Welt zu entfliehen, und wird doch immer wieder in sie zurückgestoßen. Er beginnt seinen „richtigen“ Roman, einen Gesellschaftsroman über das Leben in Baden-Baden, und gleichwohl beginnt der Autor Carsten Otte ein Spiel auf Leben und Liebe, Kitsch und Kunst, Gedeih und Verderb. Das Leben in Baden-Baden, dieser Kitschpostkarte von einer Stadt, wird just von mehr oder weniger großen Ereignissen erschüttert: Arnd Hoppes Freund hat sich, obgleich verheiratet, schwer verliebt: In eine echte Tamara, die schönste Blumenverkäuferin von Baden-Baden! Hier, in der vom heißen Atem reicher Pensionäre geschwängerten Kurhausluft treten nun auf: Ein Unternehmer, der sein Geld in Kunst („die Gagaisten“) investiert; seine Gattin, die Ex-Nutte Isabelle; ein Kellner, dem Herz und Zunge schlottern und stottern; eine Art Kaspar-Hauser-Figur, die nachts die Gaslaternen im Kurpark entzündet; eine erblindende und über einer frischen Liebe dennoch erblühende, hauptberufliche Erbin namens Wiebke; ein Kunstkurator, der vor allem selbst Kunst macht … und und und.
Und nun, da der einstige Schmonzettenschreiber den „richtigen“ Roman nach dem wahren Leben schreiben will, wird er vom Trivialen überrollt: Die Blumenfee Tamara wird schwanger von Benjamin, verliebt sich aber in den Kellner Jost, der Kunstmäzen Varnhagen stirbt beim Lustschock vor dem Pornovideo, erfährt aber zuvor noch, dass der schwachsinnige Laternenanzünder Thomas sein eigener Sohn ist.
Das wahre Leben also – erschöpft es sich am Ende in der Aneinanderreihung von Ereignissen, so wie es der Trivial-Autor Arnd Hoppe in seinen Tamara-Heften so oft beschrieben hat? Aber hätte er dann nicht jämmerlich versagt? Kann er das „wahre Leben“ einfangen und trotzdem Literatur erschaffen? Wo ist der Schlüssel?
Vielleicht ist es so, dass die Kunst das Leben beständig verfehlen muss - und umgedreht. Die Kunst und das Triviale jagen einander im Kreis herum, so wie die Figuren dieses Buches sich und den Leser unablässig an der Nase herumführen. Wer liebt oder hasst hier wen und warum, und wie verlässlich sind diese Gefühle? Ottes Roman bleibt, dank der verschiedenen Perspektivwechsel, dank des raffinierten Wechsels von literarischer Ambition und ausgestellter Trivialität in der Schwebe. Wer beherrscht hier eigentlich wen, der Autor seine Figuren – oder sie ihn? Arnd Hoppe hat Tamara, Isabelle, Benjamin und all die anderen in die Freiheit ihrer verqueren Lebensläufe entlassen, und also ihr Leben in Kunst verwandelt. Am Ende steht man da, als Leser, und klappert mit dem Schlüsselbund. Man kann nur immer wieder durchprobieren und wird nicht müde dabei. Und das war es doch wohl, was Arnd Hoppe sich vorgenommen hatte.