www.carsten-otte.com
carsten otte radio buch kurzprosa essays veranstaltungen vita kontakt
«««

Jessica, Tiffany oder vielleicht doch Lisa?
Carsten Ottes Gesellschaftsroman Sanfte Illusionen
Die Berliner Literaturkritik, 8. August 2007

Von Svetlana Bedanov


Amüsant, mit leiser Ironie und in unspektakulären Szenen erzählt Carsten Otte seinen neuen Gesellschaftsroman „Sanfte Illusionen“. Eine Geschichte aus der berühmten Kurstadt Baden-Baden. Der Autor stellt Portraits der Frauen und Männer dar, die nach Glück suchen und mit einem Arbeitsmarkt kämpfen auf dem sie nur geringe Chancen haben. Seine Romanfiguren ist die Generation der Ende-Dreißigern und Vierzigern.

Arnd Hoppe ist Schriftsteller. Seit Jahren liefert er zwei Romanhefte im Monat, die er unter dem Pseudonym Rebecca Conners schreibt. Nun soll die Romanreihe eingestellt werden. Und Arnd entscheidet sich nach der letzten Liebesgeschichte über seine Heldin Tamara, einen richtigen Roman zu verfassen. So schreibt er die Geschichte seines verheirateten Freundes und Tennispartners Benjamin Rust auf, der ihm von der reizenden Blumenhändlerin ständig vorschwärmt, die ebenso, wie seine Romanfigur, Tamara heißt.

Tamara gab ihren Job als Innenarchitektin auf. Vor einem Jahr übernahm sie den Blumenladen ihrer Eltern. Sie verzierte den Laden mit mediterranem Stil, und poetischen Sinnsprüchen und bemüht sich als Floristin den Blumenladen erfolgreich zu führen. Jedoch ist sie mit den Einnahmen äußerst frustriert. In ihrem Naturell ist Tamara eine große Optimistin. Keinesfalls würde sie aufgeben, auch wenn es bessere Jobs gäbe.

Auch Tamaras Privatleben sieht nicht beneidenswert aus. Eine 38-jährige Frau, die sich in einer instabilen Beziehung befindet. Ihr Freund Rolf Merkle entwickelte bereits seit längerer Zeit „Kurstadtallergie“. Nach einem Streit mit Tamara verlässt er Baden-Baden und zieht nach Berlin um, wo er nur unzählige Bewerbungen schreibt und Telefonate führt. Auf diese Weise fährt er durch die Bundesrepublik, um mehr als eine Praktikumsstelle als Kunst-Kurator zu bekommen. Nach einem erfolglosen Vorstellungstermin in Mannheim führt ihn sein Schicksal noch einmal nach Baden-Baden. Doch sein Glück findet er diesmal bei Benjamin Rusts Ehegattin.

Regelmäßig erscheint Benjamin Rust in feinen Anzügen im Tamaras Blumenladen und kauft weiße Lilien. Der unentschlossene Romantiker verliebt sich über die Ohren in sie, will aber keineswegs seine reiche Ehefrau Wiebke verlieren, die nahezu blind ist und unter Degeneration der Netzhaut der Augen leidet. Von Benjamin erfährt Tamara, warum er einmal in der Woche Plakate klebt und, dass er bereits seit vielen Jahren das Eheleben führt.

Der naive Benjamin hat sogar seiner Frau über die reizende Blumenhändlerin erzählt. Und nun bietet sich für Tamara die Gelegenheit Benjamins Gattin kennen zu lernen. Wiebke berichtet über ihren Vater, Richard Keilfelder, den großen Technikästheten, erzählt Tamara, wie sie sich für eine Lehre bei einem Optiker in München entschied.

Wiebke ahnt selbstverständlich, dass ihr Gatte eine Affäre hat. Zuerst fühlt sie sich unglücklich und will sich an Tamara rächen. Doch als sie Rolf begegnet, ändert sie ihr Outfit, ersetzt ihre Brille durch ein modisches Modell. Mit Rolf ist sie viel unterwegs. Mehr und mehr interessiert sie sich für den arbeitslos gewordenen Kunst-Kurator. Und nur mit Wiebkes Hilfe bekommt Rolf einen Job. Und Benjamins kurzer Seitensprung zerstörte ihre ganze Ehe.

Auch der herzkranke Kellner, Jost Niemayer, aus dem eleganten Restaurant des Parkhotels, ist längst in Tamara verliebt. Er versucht ihr sogar finanziell zu helfen, indem er bei ihr eine neue Tischdekoration und andere Pflanzen zum Garten des Parkhotels bestellt. Jost läuft Tamara ständig über den Weg, wird aber jedes Mal von ihr ignoriert. Und nur Isabelle bringt sie auf den Gedanken, dass er in sie verliebt ist. Vielleicht ist Jost nicht Tamaras Traumpartner. Dafür erscheint er aber als ein zuverlässiger Mann und fürsorglicher Vater für ihren Sohn Mario, welcher aus der verantwortungslosen Beziehung mit Benjamin zur Welt kam. Als Jost erfährt, dass das Parkhotel an ein amerikanisches Konzern verkauft wird und seine Stelle gestrichen werden soll, entschließt er sich gemeinsam mit Tamara den Blumenladen zu führen.

Wie ein Wunder geschehen Veränderungen in Tamaras bescheidenem Schicksal. Isabelle, die einsame Gattin des reichen Kunstsammlers Fritz Varnhagen, erweist sich als Sponsorin. Sie begleicht Tamaras Schulden und befreundet sich mit ihr. Obwohl sie schon 54 ist, kleidet sie sich wie eine 30-jährige und besucht ab und zu das „Schlösschen“, ein Baden-Badener Bordell, wo sie früher arbeitete und dort ihren Ehemann kennen lernte. Im „Schlösschen“ trifft sie ihren Liebhaber Hannes. Auch Arnd Hoppe findet sie dort, der alleine am Tisch sitzt und etwas aufs Papier kritzelt.

Nach dem Fritz Varnhagens Tod, erfährt Isabelle, dass sie eine der reichsten Frauen Baden-Badens ist. Fritz gesteht ihr, dass der geistig behinderte Thomas, der Laternenwächter, sein unehelicher Sohn ist. Isabelle versucht nun die Rolle der Mutter zu spielen und nimmt bei sich den jungen Mann auf. Doch es ist schwierig mit Thomas auszukommen. Als sie ihn in ihre Villa bringt, reißt er Gemälde von der Wand, zerbricht die teueren Weinflaschen im Keller. Als Arnd eintrifft, schließt er Thomas im Keller ab und nachher wird er ins Krankenhaus eingeliefert.

Carsten Otte legt ein unterhaltsames Märchen in moderner Version vor. Wer würde sich nicht wünschen mit einer reichen Frau wie Isabelle Varnhagen befreundet zu sein und einem zuverlässigen Prinzen wie Jost Niemayer zu begegnen. Ob es solche Menschen wirklich gibt? Wir treffen sie allerdings selten. Für jedes Alter ist Sanfte Illusionen empfehlenswert zu lesen.

Produktion: flamme rouge gmbh // © Carsten Otte