Bessere Zeiten
Gesellschaftsroman vor Schwarzwaldkulisse
Zeitzeichen, Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft
Mai 2007
Von Evamaria Bohle
Wer Baden-Baden liebt, wird vermutlich leiden. Obwohl Carsten Ottes lakonisch-süffiger Gesellschaftsroman vor Schwarzwaldkulisse weniger als Stadtportrait, sondern wohl mehr als ein abgründiger Kommentar zu einer westdeutschen Spät-Nachwendebefindlichkeit gelesen werden will. Otte, der selber in Baden-Baden lebt, zeichnet sein Deutschlandbild vor der prachtvoll-morbiden Kulisse des Kurstädchens als Portrait einer herunterkommenden Diva. Man hat bessere Zeiten gesehen. Das ist der sehnsüchtige cantus firmus der sich mal wehmütig, mal boshaft durch die Geschichten vom Lieben und Sterben der eng verwobenen Kurstadtschickeria und ihrer Dienstleister zieht. Man lebt von der Substanz, von der Erinnerung, vom alten Geld, von dem, was die Eltern aufgebaut haben. Man leistet sich Couture, Kunst und Kulinaria, man besucht das Bad und das Bordell. Die Alteingesessenen erscheinen als Nachlassverwalter einer als glanzvoll empfundenen Vergangenheit, die doch schon längst unterwandert und ausgehöhlt ist - von McGeiz und Marlbororomantik. Man wohnt zwar noch „Im Paradies“, aber auch das ist – wie die beständig schöne Aussicht - nur im Suff zu ertragen. Die Firniss über der Vergänglichkeit ist hauchdünn. Es wird recht viel gestorben, und Kinder sind Mangelware. Eine größere Hoffnung hat in diesem Baden-Baden kaum noch jemand. Der Transzendenzverlust materialisiert sich in geschlossenen Kapellen und Kirchenglocken in Moll: Ein Ort, der an sich selbst zugrunde geht. Nur „Sanfte Illusionen“ und deren Derivate machen das Leben leichter. Ein pessimistischer Blick, ein selbstverständlich säkularisierter allemal.
Dass man diesen Roman dennoch über weite Strecken hoch amüsiert liest, hat viel mit der Ästhetik zu tun, für die der 35-jährige Autor sich entscheidet. Sie lebt von einer gelungen Kreuzung zwischen einem hintergründigen „Six Feet Under“-Humor und der Lakonie eines Otto Flake. Zwischendrin grinst es grotesk, treibt die Alltagskomik seltsame Blüten, und die allgegenwärtige Sehnsucht nach Lebensintensität zieht klebrige Fäden.
Das Figurentableau bietet neben schicksalsgebeutelter Bürgerlichkeit schrullige Charaktere, die vor allen Dingen als Karikatur funktionieren. Sei es der Beuys-und Schwarzwälderkirschkultur beschwörende Konditor, der Kunstsammler Fritz Varnhagen mit seiner Schwäche für die „Gagaisten“ oder der knausrige Finanzberater Isenweg, der auch ein Inkasso-Büro führt, und an den Folgen seines Berufs und moderner Kunst zugrunde gehen wird.
Auch die Heldin Tamara, die bodenständigste Hoffnungsträgerin der Geschichte, hat eine schillernde Patina. Die Assoziationen, die sich an ihr entzünden, reichen vom Groschenroman bis ins erste Buch Mose. Ihr Blumenladen im Herzen des Städtchens – ausgerechnet „Mädchenauge“ heißt er - wird das Zentrum der vielfältigen Sehnsüchte. Hier werden die Geschichten zu einem Kranz gewunden, der für die einen als Grab- , für die anderen als Hochzeitschmuck Verwendung findet. Für Tamara jedenfalls, mit ihrer Sehnsucht nach Italien und der Leidenschaft für alte Uhren, die es mit der Zeit nicht so genau nehmen, wird auf eine kleinbürgerliche Weise alles gut. Ein Sohn, ein Mann, ein blühendes Geschäft. Ein Happy End? Nun ja. „Auf Schmerzen wollte sie verzichten“ ist der letzte Satz, mit dem der Autor seine Leserin entlässt.
Wie in seinem Romandebut „Schweineöde“, einem Schelmenstück, um einen westdeutschen Stasifan, der sich kurz nach der Wende in Oberschöneweide, wo Berlin am ostberlinsten ist, niederlässt, lebt auch das zweite Buch von der souveränen Lust am Überspitzen. Kitschiger kommt es daher, komplexer in jedem Fall. Mitunter erkennt man die Konstruktion der Geschichte, ist die Einladung zum doppelbödigen Verstehen – über die Namen beispielsweise - etwas zu offensichtlich. Aber auch das könnte beabsichtigt sein. Denn der erzählerische Balanceakt zwischen Tiefe und Trivialität ist formal und inhaltlich durchgehend konsequent. Er reflektiert viel von der Not der Protagonisten und ihrer Oberflächlichkeit, mit der sie sich vergnügt konsumierend ans Leben klammern, während im Hinter- und Untergrund nichts weniger als die Welt untergeht.
Wer den Weltuntergang aufschieben möchte, soll einst Otto von Bismarck gesagt haben, möge nach Baden-Baden fahren, dort ereigne er sich zwei Wochen später. Doch diese Zeiten sind definitiv vorbei. Gibt es ein Leben danach? Vielleicht, aber nur vielleicht, bietet die Liebe eine Perspektive. Oder –wie früher – der wilde Westen, der von Baden-Baden aus gesehen in Paris liegen mag.