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NDR Kultur, Neue Bücher

Ein Beitrag von Ulrike Sárkány
7. Februar 2007, 12.30 Uhr

Die Kurstadt Baden-Baden ist schon häufiger Schauplatz einer Romanhandlung gewesen, aber so differenziert und schonungslos ist sie wohl noch nie beschrieben worden wie in "Sanfte Illusionen", dem zweiten Roman des 34-jährigen Autors Carsten Otte. Wie schon in seinem Debüt "Schweineöde", das den Standort Oberschöneweide beschrieb, achtet er auf ein ausgewogenes Verhältnis von literarischen Anspielungen und reportierend-realistischen Gegenwartsdarstellungen. Carsten Otte arbeitet als Journalist und Radiomoderator und erholt sich zwischenzeitlich von der Tagesaktualität, indem er sich monateweise auf die Insel Sylt oder in den Schwarzwald zurückzieht, um solche ausgesprochen lesbare und welthaltige Prosa zu schreiben, die von den Lebenszielen seiner Generation handelt.

"Es gab nur wenige Ecken, die darauf hinwiesen, dass auch die Baden-Badener im 21. Jahrhundert lebten. (...) Die Prachtbauten, die ständig renoviert wurden, damit das Alte niemals alt wirkte, die guten Hotels und Cafés, in denen man angeblich den besten Kuchen Süddeutschlands bekam, waren bestimmt attraktiv für Menschen, die am Ende ihres Lebens die Welt noch in Ordnung finden wollten."

Das Idyllische eines Kurbads ist Geschmackssache. Rolf, der Ausstellungsmacher, findet Baden-Baden tödlich, während Arnd und Benjamin die gepflegte Atmosphäre genießen.

"'Wiebke hat erzählt, dass du an einem Roman arbeitest, der in Baden-Baden spielt. Stimmt das?'
'Seit wann interessierst du dich für meine Arbeit?'
'Wenn du nicht mehr diesen Kitsch fabrizierst, werde ich jede Zeile lesen, die du zu Papier bringst.'
'Keinen Kitsch? Kann ich nicht versprechen.'
'Arnd Hoppe schreibt einen Kurstadtroman. Das ist wirklich komisch.'"

Es ist eine ausgeklügelte Erzählkonstruktion, die diesen Dialog einbaut zwischen dem Groschenromanschreiber Arnd Hoppe und seinem Tennispartner Benjamin Rust, der vom Erbe seiner Frau lebt. Wenige Seiten später wird Arnd als Ich-Erzähler die Begriffe "Erzählperspektive, Rückblende und Tempuswechsel" erwähnen, wenn auch lediglich, weil er sich mit seiner Freundin Isabelle nicht über solche Themen unterhalten will. Der Autor Carsten Otte hat damit jedenfalls erreicht, dass der Leser aufs Bauprinzip gestoßen wird. Denn der Autor Arnd Hoppe ist zugleich Romanfigur und Chronist des Geschehens. Und seine zentrale romantische Heldin ist die Floristin Tamara Schüttler, die das Blumengeschäft "Mädchenauge" betreibt.

"Tamara atmete tief ein, und es kam ihr vor, als könne sie fliegen, wenn sie nur weiter Luft holte. Es war die richtige Entscheidung, den Blumenladen der Eltern zu übernehmen, auch wenn es bessere Jobs gab, als im Blumenparadies Baden-Baden ausgerechnet Blumen zu verkaufen."

Sie ist eigentlich Innenarchitektin, aber hier sieht sie ihre Lebensaufgabe, nachdem die Eltern ins Seniorenheim Schwarzwaldblick umgezogen sind. Allerdings fehlt es Tamara am nötigen Kapital zum Glücklichsein, während andere Leute in dieser Stadt nicht wissen wohin mit ihrem Geld und trotzdem unglücklich sind. Im Verlauf der Ereignisse wird es die eine oder andere Umverteilung geben, und es werden sich neue Familienverhältnisse herausbilden. Nicht jede der Figuren, die uns der Autor als Mitglied des kurstädtischen Mikrokosmos vorstellt, findet das große Glück, aber alle bekommen mehr oder weniger, was sie verdienen.

"Wir Kurgäste und Gichtiker sind ganz besonders darauf angewiesen, das eckige Leben so rund wie möglich zu nehmen, fünfe gerade sein zu lassen, uns keine großen Illusionen zu machen, dafür hundert kleine sanfte Illusionen zu schonen und zu pflegen."

Dieses Hesse-Zitat findet als Dekoration im Blumenladen Verwendung und dient dann auch gleich noch als Titelspender. Aber das Erfrischende an diesem Buch ist gerade, dass es kein Weltuntergangslamento anstimmt, sondern fast so etwas wie eine sanfte Vision hin zum Guten, Schönen, Wahren entwickelt. Einem der Kunst verpflichteten Baden-Badener Konditor legt Otte folgende Sentenz in den Mund:

"Wissen Sie, dem 21. Jahrhundert fehlen die Visionen. Die Menschen machen Diäten, das ist schon alles. Sie haben Angst, dick zu werden. Aber Angst zu verblöden, haben sie nicht."

Produktion: flamme rouge gmbh // © Carsten Otte