Ein Debüt, das Lust auf mehr macht
Wolfgang A. Niemann, Buchrezensionen-Online
Von Ostalgie kann man wahrlich nicht sprechen bei dem Entschluss von Raimund
W. Kuballa, sich auf mindestens zehn Jahre im Berliner Arbeitervorort Schöneweide
anzusiedeln. Man schreibt das Jahr 1991, Kuballa ist eben 24 Jahre alt, irgendwie
von West-Frust geschüttelt und nun der Schritt vom beschaulich gepflegten
Bonn-Bad Godesberg in diese Vorstadtwüste, die selbst für DDR-Verhältnisse
schäbig ist.
Nicht umsonst titulieren die Bewohner ihr Viertel selbst als "Schweineöde",
was allerdings nur echte Einheimische dürfen. Zugleich ist "Schweineöde"
der Titel von Carsten Ottes Debütroman über die Tragikomödie
des Kuballa, der irgendwann immer stärker abdreht. Er ist kein schöner
Mensch trotz vollem schwarzen Haar und 187 cm Sportlerfigur, seine Eltern
führen ein Luxus-Restaurant im schnieken Bad Godesberg und haben null
Verständnis für seinen Fimmel. So wenig wie er für sie, stattdessen
hat er Marx und Lenin gelesen.
Und nun eben als ultimativer Kick diese winzige dunkle Wohnung in einer Bruchbude
von Altbau, umgeben von all den Verlierern der Wende. Die Kontakte sind speziell
und irgendwann irritiert selbst die hartgesottenen Ostler, mit welchem Eifer
Kuballa sich dem Osten und schließlich sogar dem Wesen der Staatssicherheit
verschreibt. Wenn sie auch nur ahnten, dass er als Millionen-Erbe von seinen
Zinsen lebt....
Davon erfährt auch Jana nichts, mit der eine seltsame Liebesgeschichte
einsetzt. Immer wieder darf er sie in die Sauna begleiten, sieht sie also
stundenlang so, wie er sie gern 'hätte' – und leidet monatelang
unter dem entsprechenden Triebstau. Zugleich geistert da ein ominöser
Postamtsüberfall durch die Geschichte, mit dem anscheinend fast alle
auf die ein oder andere Weise zu tun haben.
Wie Kuballa diesen schrägen Lebensumständen jahrelang eine Art Zufriedenheit
abtrotzt, um dann ab etwa 1995 immer mehr Enttäuschung über das
Schwinden des typischen Ostcharakters zu empfinden, das hat etwas drollig
Satirisches mit viel Hintersinn und einem zuweilen sehr dunkel gefärbten
Humor. Fazit: Eine Art 'Ostalgie spezial' und ein Debüt, das Lust auf
mehr macht.