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Auch in den Blumengeschäften Erlesenes

Von Klaus Fischer

etcetera, März 07

 

Carsten Ottes "Sanfte Illusionen" (im Titel verbirgt sich eine Anspielung an Balzacs "Verlorene Illusionen") ist ein literarisch ambitionierter, unterhaltender und elegant geschriebener Roman. Seine Struktur ist kompliziert: da ist ein Ich-Erzähler, der aber nur auftritt, wenn dem Autor nichts Besseres mehr einfällt, da ist eine Hauptgestalt von bemerkenswerter Belanglosigkeit, Blumenhändlerin ohne Mitarbeiter in einem kleinen Laden in der Baden-Badener Luisenstraße, da sind höchst farbige Nebengestalten wie Isabelle Varnhagen, Frau eines Unternehmers, der der Kurstadt ein Museum geschenkt hat und ehemalige Prostituierte im "Schlösschen", einem kultivierten Bordell, und da sind endlich Baden-Badener Bürger, die der einheimische Leser wiedererkennt, wie etwa der Inhaber des renommierten Café Kaiser, ein Patissier und Beuys-Sammler, der von sich in den höchsten Tönen spricht und den Niedergang seiner Klientel beklagt. "Er war ganz aufgeregt, verschluckte Silben, Wörter. Die Verben ließ er weg, um mehr erzählen zu können, um noch einen Superlativ anzubringen: Er, Emil M. Zedenick, die feinsten Torten, die berühmtesten Tortenesser, die reichsten, ja, und . mittlerweile auch die ältesten Kunden. Die schönsten leider schon lange nicht mehr. ,Die Tortenesser', deklamierte er, ,... nicht mehr das, was sie waren, wie noch in den siebziger, in den achtziger Jahren, aber meine Torten, ... immer noch die feinsten. Versprochen! Und: (ein Leitmotiv des Romans klingt an) ,Wohin sind die Jungen und Schönen denn gegangen? Alles geht weg, alles ist verloren. Wir leben in einer Zeit großen Verlustes. Die Jungen und die Schönen, einfach weg, und von den Reichen bekommt man ja auch nichts mehr mit. Verstecken die sich in ihren Villen? Vor Bomben­anschlägen? Hier in Baden-Baden? Haben die den Sinn für gute Torten verloren? Sie können es sich ja gar nicht vorstellen, wie schwer es ist, sich als Kuchenbäcker, Patissier und Chocolatier durchzuschlagen. Nein, mit Ma-ronengebäck, Punschkrapfen, Himbeerbaiser, mit Sarah-Bernhardt-Torten und Champagnertrüffeln kann man kein Geld mehr verdienen.'"

 

Ähnlich wie Zedenick seufzt, mindestens auf den ersten zweihundert Selten des Romans, die Floristin Tamara Schüttler, eine gelernte Innenarchitektin. Der Blumenfachhandel ist in der Krise. Autobesitzer, die Geiz für geil halten, kaufen draußen in der Rheinebene in den billigeren Garten-Centern ein. Die Kavaliere von einst, die zum Fünfuhrtee bei der Jugendliebe ein Rosenbukett mitbrachten, sterben aus. Die Friedhofsgärtner verteidigen ver-bissen Ihre gräbernahe Stellung. Mölich-Zebhauser vom Festspielhaus, der vermutlich größte Baden-Badener Blumenkäufer, feilscht, so ist anzunehmen, bei der Bestellung um jeden halben Cent. Im Pennymarkt kosten fünf Nelken mit Grünzeug zwei Euro; hier bedienen sich die Sekretärinnen und alleinerziehenden Mütter, die ihr Magerjoghurt, mit Milchsäure­bakterien, ihre Frühstücksflocken, angereichert mit Folsäure und Ihren argentinischen grünen Apfel eingekauft haben. Wer deckt sich noch in der Luisenstraße gegenüber der Trinkhalle bei Tamara Sch. mit Märzbecher, Freesien und Dahlien ein? Wer weiß noch zu würdigen, dass Tamara Tausendschönchen mit grünem Wild- spargel und Eichblättern kombiniert?

 

Dieses Baden-Baden, dieser Kurort, in dem kein Mensch kurt, ist, man weiß es seit Horst Krüger, eine Stadt zum Sterben schön; der Nachdruck liegt auf Sterben. Selbst die Millionäre stopfen sich, um den Ort zu ertragen, mit Valium, Tranxilium, Tavor voll. Oder leeren eine Flasche Roederer Rosé nach der andern. Oder gründen trotzig ein weiteres Museum. Das Penible ist die behende Tüchtigkeit der Baden-Badener Gartenamtsangestellten. Sie ersetzen Tag für Tag müde, welkende Pflanzen durch neue. "In Baden-Baden", weiß Carsten Otte, "wurde keine Blume alt. Das Sterben sollte nicht sichtbar sein, dabei schlich der Tod um jede Ecke." Fatales Resümee: "Die vielen Alten und Kranken sahen in dieser Umgebung, in der hergestellten Zeitlosigkeit, ganz besonders alt und krank aus." Weitere Einsicht des Romanciers: "Es gab nur wenige Ecken, die darauf hinwiesen, dass auch die Baden-Badener im 21. Jahrhundert lebten."

Otte übersieht eines: die Umgangssprache von. 2007, den Tonfall. Bumsen, auf den Arsch glotzen, am Arsch lecken, verschei- ßern: die Baden-Badener Oberschicht drückt sich in "Sanfte Illusionen" derber und direkter aus als die albanischen, kosovarischen und tschetschenischen Mafiabosse auf der Hamburger Reeperbahn.

 

Nur drei Jahrzehnte sind vergangen, seitdem Frau Friedmann, Besitzerin der Münchner "Abendzeitung" (ihr Gatte hatte Unzucht mit Abhängigen begangen und seinen Chefsessel räumen müssen) unter dem Titel "Oos-Beleuchtung" die Baden-Badener Saison 1973 beschrieb: "Alle Jahre wieder der gleiche Luxus und das gleiche Leben. Turfball, am Stadttheaterchen Noel Coward oder Gurt Goetz, beim Kurkonzert Smetana, Blumenschau. Chrysanthemen und bedeutungsvoll gesteckte Zweige, Gladiolen, Orchi- deen. Auch in den Blumengeschäften Erlesenes. ,Erlaube ich mir, verehrte Gnädigste.' Es ist der Ort, wo ,man' den Ton angibt. Ein Ort roter Nelken im Knopfloch des Dunkelblauen, der steifen schwarzen Hüte, der Monokel. Ein Ort der Verbeugungen aus geübter Hüfte, graziös zum Kuss gebotener Hände, der letzte Ort, an dem Damen Hüte tragen. Alle Jahre wieder."

 

Tamara kämpft mit dem Finanzamt, nach Sterben ist ihr nicht zumute. Sie lässt sich zunächst von einem Tunichtgut von Kleinverleger (verheiratet) hofieren, gibt sich ihm im "Hirschen" (vulgo "Forellenhof", jetzt aserbaidschanische Exklave in Oberbeuern) hin. In die Schwangere verliebt sich Oberkellner Jost Niemeyer vom Parkhotel. Er akzeptiert den vom Vorgänger gezeugten Sohn Mario. Inzwischen hält die Oberbürgermeisterin weitere nichtssagende und sehr treffende Reden, In der plattgewalzten Cité entsteht ein Biermuseum in Form einer Bierflasche, ein Wirtschaftsberater verübt Selbstmord, Millionär Varnhagen stirbt, während er onaniert und im Kuppelsaal des Friedrichsbads kommt es zu einer handfesten Keilerei. Die jetzt vierzigjährige Tamara lässt den Säugling Mario an ihrer Brust nuckeln und führt Jost Niemeyers Hand zu Ihrem Bauch, sie lässt sich gern streicheln: "Mit jeder Blume, die er rund um den Nabel malte, wurde sie wacher. In den vergangenen Wochen hatte sie jede Minute genutzt, um zu schlafen. Sie war erschöpft von Stillen und vom Stehen, vom Kindhüten und Blumenverkauf. Während seine Hände noch immer auf ihrem Bauch kreisten, fragte sie sich, ob sie wieder bereit sei, mit ihm zu schlafen. Der Dammschnitt konnte mittlerweile verheilt sein. Sechs Wochen waren seit der Geburt vergangen. Sie müssten nur vorsichtig miteinander umgehen. Als sie ihm die Pyjamahose auszog, sah er sie fragend an. Sie sagte nichts. Jost berührte wieder ihren Busen, mied aber die Brustwarzen. Dann entfuhr ihm ein kurzer Schrei der Verwunderung. Aus ihrer Brust schoss Milch. Sie beschmierte ihn damit und fragte, ob er kosten wolle. Er probierte, war aber nicht begeistert. Sie küsste ihn wieder und schloss die Augen. Jost wagte sich vor, kam ihr näher. Sie fühlte sich wund an."

 

Das Parkhotel ist in amerikanischen Besitz übergegangen. Der herzkranke Niemeyer wird entlassen, nimmt sich vor, bei der Entschuldung des Blumenladens in der Luisenstraße zu helfen. Hier erwartet ihn vielleicht ein bescheidenes Glück. Tamara, die sexuell Unstete, hat die würzigen Düfte des Mittelmeers in der Nase und die milden Farben der italienischen Küsten vor Augen. Findet, dass die Kurstadt Baden-Baden wie Italien aussieht - Oberbeuern ist Apulien. Sanfte Illusionen.

 

 

Produktion: flamme rouge gmbh // © Carsten Otte