Wie kommt es nur, dass Nadelstiche so wohl tun?
Hamburger Abendblatt, 03.03.07
Von Frauke Kaberka
Sanfte Illusionen - wer bereits Carsten Ottes skurrilen Debütroman Schweineöde gelesen hat, wird beim Titel seines zweiten Buches auf der Hut sein. Der neue Roman des 34- Jährigen spielt in der Wohlstandsgesellschaft von Baden-Baden und hat es in sich: Illusionen ja, sanft nein!
Auch wenn die einzelnen Schicksale der schillernden Protagonistentruppe mit leisen Tönen, mitunter dahinplätschernd, erzählt werden, sind sie doch zum Teil himmelschreiend. Um es vorwegzunehmen: Ottes Zweitwerk ist ein gnadenloser Blick auf Bürgertum und Pseudo-Bohème - ironisch und zugleich liebevoll.
Einen Haupthelden - auch in weiblicher Ausführung - gibt es nicht wirklich, wenn auch die meisten Fäden bei Tamara zusammenlaufen, der Blumenhändlerin. Und es sind viele Fäden, die sich erfreulicherweise nicht verheddern: Benjamin ist mit Wiebke verheiratet, macht aber Tamara ein Kind. Wiebke ist mit Tamaras Ex- Lover Rolf liiert. Hinzu kommen die Ex-Hure Isabelle samt reichem Gatten Fritz, der sich spät zu seinem behinderten unehelichen Sohn Thomas bekennt. Dieser wiederum wohnt meist bei Tamara. Tamara entdeckt ihre Schwäche für Jost, den herzkranken Kellner aus dem Park-Hotel. Schließlich Arnd, der Schriftsteller, der bislang seinen Lebensunterhalt mit Groschen-Romanen verdiente, deren Hauptfigur wiederum Tamara heißt. Alles klar?
Es ist tatsächlich nicht schwer, Ottes Helden zu folgen und dabei auf viele kleine Dinge des Lebens zu stoßen, die einem selbst nicht fremd sind - jedenfalls meistens. Der gebürtige Bonner hat mit leichter Hand die ganze Farbskala geplündert, von Himmelblau bis Rabenschwarz. Und dabei kräftig gemischt. Es ist eine erstaunliche Erkenntnis, wie herzerfrischend Spießigkeit sein kann. Vielleicht sollte der Begriff "kleinbürgerlich" neu definiert werden. Und was die Einwohner der berühmten Schwarzwaldstadt betrifft: Wer sich beim Lesen der Sanften Illusionen auf den Schlips getreten fühlt, ist selber Schuld.
Carsten Otte ist sich treu geblieben. Wie in Schweineöde, nur weniger extrem, schildert er die Menschen auf ihrer Suche nach Glück. Die Wege, die sie dabei gehen, sind nicht immer nachvollziehbar, aber fast immer zu verstehen. Große Dinge geschehen in diesem lesenswerten Roman nicht, und das ist gut so. Es würde nicht passen. Es gibt auch keine Wegweiser ins Glück, nur sichtbar gemachte Stolpersteine und so manchen Seitenhieb. Und hinterher fragt man sich verblüfft: Wie kommt es nur, dass Nadelstiche so wohl tun?